eisblau&honigsüß

zweites Vorstellungsgespräch

Vorhin war ich nochmal in dem Labor, in dem ich meine Masterarbeit machen werde. Zweites Vorstellungsgespräch, sozusagen. Nachdem ich den Arbeitsgruppenleiter kennengelernt und er mich angenommen hatte, wollte auch die Ärztin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, mich mal kennenlernen. Sichergehen, dass ich wirklich geeignet bin. Bin ich wohl. Sie hat keinen Einspruch erhoben, dass ich meine Masterarbeit dort machen werde.

Also ist von der Labor-Seite aus jetzt wirklich alles in trockenen Tüchern. Muss nur noch die Uni zustimmen. „Nur“, haha. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie ich vorgehen muss. Meine alte Masterarbeit läuft ja offiziell noch weiter (mit ärztlichem Attest immer wieder verlängert, aber nie abgebrochen). Ich fühle mich überfordert, weil ich so gar keinen Plan habe, wie ich jetzt vorgehen muss, und auch niemanden kenne, der das auch hinter sich hat. Wie mache ich ein sauberes Ende unter den Erstversuch? Muss ich das irgendwem melden, begründen? Brauche ich die Zustimmung meiner Betreuerin vom Erstversuch? Vom Prüfungsausschuss? Oder einfach die nächste Frist verstreichen lassen und damit ist alles automatisch wieder auf Anfang? Welche Frist gilt dann für die Anmeldung des Zweitversuchs? Muss ich schon vorher den Extern-Antrag schreiben oder reicht das noch, wenn ich schon im Labor bin? Fragen über Fragen.

Vermutlich ist deswegen der Selbstverletzungsdruck nach dem heutigen zweiten Kennenlerngespräch so enorm hochgeschossen: jetzt muss ich mich mit den bürokratischen Fragen auseinandersetzen. Jetzt kann ich mich nicht mehr damit herausreden, dass die Ärztin vielleicht doch was gegen mich haben könnte und eh alles wie eine Seifenblase zerplatzen wird. Kann die Bürokratie nicht mehr aufschieben, weil die Ärztin ja doch noch alles kippen könnte. Keine Ausflüchte mehr.

Vielleicht werde ich (mal wieder) die Hilfe der Sozialarbeiter in Anspruch nehmen. Irgendwie komme ich mir zwar immer sehr erbärmlich vor, wenn ich wegen Uni-Problemen die Sozialarbeiter um Hilfe bitte (schließlich schaffen so viele ihr Studium ohne Sozialarbeiter!), aber letztlich sind sie ja dafür da. Also warum verzweifeln, wenn es Hilfe gibt… Ich habe genug Schwierigkeiten, mit denen ich zurecht kommen muss. Es ist okay, mir helfen zu lassen. Egal, bei was.

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allein gelassen

Von den letzten Wochen ist mir eigentlich nur im Gedächtnis geblieben, dass jeder Tag gleich gewesen ist. Jeden Morgen zwingen müssen, aufzustehen. Beim Betreten des Labors der Gedanke, wieviele Stunden vor mir liegen. Anspannung bis zum Abend. Totmüde nach Hause schleppen. Ins Bett fallen und mich fragen, wozu ich überhaupt am Leben bleibe.

Ich halte durch. Jeden Tag. Jeden verdammten Tag tue ich nichts anderes als zu durchzuhalten. Aufstehen. Am Leben bleiben. Verpflichtungen nachkommen.

Jedes Wochenende muss ich hart darum kämpfen, nicht zusammenzubrechen. Die zwei freien Tage nicht zu nutzen, um mir Erleichterung mit Tabletten und tiefen Wunden zu verschaffen.

Ich fühle mich sehr allein gelassen im Moment. Ich wünschte, Dr. H. wäre noch da. Mit ihm könnte ich wenigstens offen reden. Die neue Thera zensiert mich zu sehr. Blümchen-malen hin oder her, aber ich bin nicht wirklich zufrieden mit ihr. Es gibt grundlegende Dinge, die mich bei ihr sehr sehr sehr stören. Ich ziehe in Erwägung, die Therapie abzubrechen.

Mit dem Herrn Psychiater ist es wie immer: er ist okay, aber wirklich tiefes Vertrauen habe ich zu ihm nicht. Er ist keiner, dem ich mein Herz ausschütten kann. Nur grob schildern, wie es mir geht und was so los ist, Medikation besprechen etc.

Letztes Wochenende war ich in der Psychiatrie. Nein, nicht als Patientin. Einer ehemaligen Mitpatientin, mit der ich mittlerweile befreundet bin, ging es sehr schlecht. Ich habe sie in die Klinik gebracht, weil ich überfordert war und Angst um sie hatte. Irgendwie habe ich sie wirklich beneidet – in die Klinik begleitet werden, Arzt und Pflege kümmern sich und reden mit ihr und sind da, Alltagspflichten fallen weg, niemand verlangt etwas… Mir fiel es schwer, wieder nach Hause zu gehen und nicht weinend zusammenzubrechen und zu wimmern, dass sie mich bittebitte auch gleich aufnehmen sollen.

Die Sehnsucht danach, versorgt zu werden, ist momentan sehr stark. Immer wieder denke ich darüber nach, was ich mir antun könnte, um von allen Pflichten und Anforderungen befreit zu werden, schwach sein zu dürfen und von anderen Menschen versorgt zu werden.

Und morgen gibt X. ihre Abschiedsfeier. Eine weitere wichtige Person, die mein Leben verlassen wird. Sicher, wir werden Kontakt halten. Aber spontane Treffen wird’s nicht mehr geben durch die hunderte Kilometer, die bald zwischen uns liegen. Sie fehlt mir jetzt schon.

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morgen? oder wann?

Die Frage ist eigentlich nur noch: Schneide ich morgen oder übermorgen?

Innerlich ist es längst entschieden. Ich will zu den Chirurgen. Ich will genäht werden. Ich will für einen Augenblick nichts leisten müssen. Ich will, dass irgendjemand sieht, dass es mir nicht gut geht.

Erfahrungsgemäß nähen die Chirurgen die Wunden und lassen mich wieder gehen. Ich wünsche mir, dass sie mich morgen/übermorgen in die Psychiatrie schicken. Ich will, dass die Psychiater wissen, dass ich verdammt nochmal nicht so stark bin, wie sie denken.

Der Oberarzt von der Geschlossenen ist ganz begeistert von mir. Dass ich es geschafft habe, mit (fast) nur ambulanter Hilfe zurechtzukommen, das Studium zu meistern, den Therapeutenwechsel zu verkraften. Ich will, dass er sieht, dass es nicht so toll ist. Dass ich nicht so toll bin. Ich sehne mich nach stationär, am besten mit Monitor und Infusionen auf der Überwachungsstation… Ich will nicht mehr zur Vorlesung gehen oder zum Seminar oder ins Labor… Und ich will Dr. H. wieder haben, okay? Die neue Therapeutin ist in Ordnung, aber – ich will Dr. H. sehen 😦

(Oder den Internisten von der Überwachungsstation, den ich heute beim Mittagessen gesehen habe und der damals so so so lieb zu mir war.)

Ich weiß, dass es krank ist. Aber wenn man nicht sagen kann, dass alles Mist ist und man Hilfe braucht – welche Möglichkeiten bleiben dann noch? Schneiden, um den ersten ärztlichen Kontakt zu rechtfertigen, und in der Chirurgie dann eine Psycho-Show abziehen, damit ich ganz sicher auch zu den Psychiatern komme…

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etwas besser

Der Tag heute war besser. Überraschenderweise. Heute Früh war alles so schwarz und schlimm, dass ich weinend im Bett liegen geblieben bin anstatt aufzustehen und zur Vorlesung zu gehen. Nach einer Tavor, einem Blogeintrag und einer verzweifelten Mail an eine gute Freundin konnte ich mich dann aber doch dazu überwinden, ins Labor zu fahren.

Ich glaube, ich finde allmählich ein bisschen Anschluss. Zumindest bin ich heute nicht ganz so schweigsam gewesen. Habe viel – für meine Verhältnisse – mit den Kollegen geredet. Gescherzt. Gelacht. Ich bin kein sonderlich kontaktfreudiger und offener Mensch. Ich brauche Zeit zum Kennenlernen. Ich glaube, mehr kann ich nach drei Tagen nicht erwarten – ich bin noch immer fremd dort, aber nicht völlig isoliert. Das ist okay, für diese kurze Zeit. Mehr geht für mich einfach nicht.

Die Chefin hat mir das „Du“ angeboten. Ich bin sehr erleichtert darüber. Die letzten beiden Tage haben wir uns gesiezt und ich kam mir vor wie die totale Außenseiterin. Habe mich gefragt, warum zur Hölle ich die einzige im Labor bin, die von der Chefin gesiezt wird. Die Erklärung ist ganz simpel: Die Chefin bevorzugt eigentlich das Duzen, aber eine Studentin ist mal sehr böse geworden, als sie einfach so geduzt wurde; seitdem ist die Chefin da einfach vorsichtig und bleibt sicherheitshalber erstmal beim Siezen… Hatte also rein gar nichts mit mir zu tun, sondern war schlicht eine Unsicherheit (!) meiner Chefin.

Ein paar Dinge konnte ich heute schon selbstständig und ohne Aufsicht machen. Beispielsweise die Färbung, die ich gestern in weniger als einer Minute beigebracht bekam. „Hast du gestern ja ganz gut hinbekommen, da muss ich nicht mehr daneben stehen“, meinte die Chefin. Puh! Also kann ich immerhin schon mal etwas.

Und dafür, dass ich den Sterilarbeitsplatz mit Blut versaut habe, gab’s auch keinen Ärger. „Ach, das ist nicht schlimm. Da nehmen wir dieses und jenes Mittel, und dann ist das wieder sauber. Dann noch hiermit desinfizieren, und dann kann man da wieder steril arbeiten. Halb so wild.“

Trotzdem ging es heute natürlich weiter wie auch in den letzten beiden Tagen: massenhaft Infos. Die kleineren Techniken, die nur wenige Arbeitsschritte erfordern, habe ich mir gemerkt bzw. aufgeschrieben. Das sollte ich also hinbekommen. Bei den größeren Dingen war ich aber irgendwann völlig überfordert… Wenn ich das nächste Woche allein machen soll, weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich das hinbekommen soll.

Vielleicht einfach sagen, dass mir das alles etwas zu viel ist. Zu viel Neues und so. Ich glaube, wenn ich der Chefin sage, dass mich die neue Arbeitsstelle wahnsinnig stresst und es deswegen wirklich schwierig ist, alles zu behalten, würde sie Verständnis haben. Sie hat ja auch kein Problem damit, dass ich Zeit für die Psychotherapie brauche. Und auch zu den Narben hat sie nichts gesagt. Vielleicht sollte ich da einfach mit offenen Karten spielen und sagen, wie stressig und angstmachend gerade alles für mich ist, und dass ich die Techniken wirklich lernen will und mir Mühe gebe, aber mein Angst-Hirn einfach nicht alles aufnehmen kann.

Naja. Mal sehen, wie es in der nächsten Woche wird. Alles hinwerfen will ich wirklich nicht, zumal es ja zu erwarten war, dass die erste Zeit schwierig werden wird, aus verschiedenen Gründen. Mein Ziel ist erstmal, bis nächste Woche Donnerstag durchzuhalten. Da darf ich ans Elektronenmikroskop. Ich habe das noch nie gemacht, habe auch sehr ein bisschen Angst davor, finde es aber zugleich auch sehr spannend und bin neugierig, das mal zu sehen und machen zu dürfen. Also, egal wie schlimm es wird, aber bis Donnerstag werde ich nichts abbrechen. Einmal im Leben Elektronenmikroskopie – das will ich schon haben 😉

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zu viel, zu viel

Es ist zu viel. Alles ist zu viel. Gestern kam ich nach Hause und war einfach nur fertig. Heute kam ich nach Hause und habe geweint und mir die Arme zerschnitten. Zu viel, zu viel, zu viel.

Die Kollegen sind nett. Anschluss gefunden habe ich trotzdem nicht. Ich bin nicht sozialkompetent. In Gegenwart von Fremden bin ich ganz still. Rede kaum. Halte mich im Hintergrund. Bleibe auf Distanz. Smalltalk ist nicht meine Stärke, und für Fachgespräche fehlt mir das nötige Wissen. Die Mittagspause, in der ich die Kollegen vielleicht hätte besser kennenlernen können, habe ich gebraucht, um Ruhe zu finden und allein zu sein.

Angst. Permanent. Angst vor allem. Fehler machen. Dumm wirken. Inkompetent wirken. Stundenlanger Dauerstress kostet Stress.

Verwaltungsprobleme. Ich habe zwar am ersten Tag meine Chipkarte bekommen. Die Berechtigung zum Öffnen der Labortür war aber natürlich trotzdem nicht gespeichert. Laborkleidung war auch nicht vorgesehen für mich. Etc. pp. Um alles kümmern. Zuständige Personen kontaktieren. Warten. Wieder beschweren. Nervig.

Missverständnisse und Angst, es zu klären. Ich will als „Neue“ nicht gleich rummeckern. Aber irgendwann werde ich um ein Gespräch mit meiner Chefin nicht drumrum kommen. Dabei habe ich doch beim Vorstellungsgespräch alles gesagt. Aber klar, sie kann sich auch nicht alles merken.

Zwei Ex-Kommilitonen sind im Labor. Nicht in unserem, sondern von einer anderen Abteilung, die aber eng mit unserer kooperiert. Scham. Die beiden haben den Master längst abgeschlossen, machen jetzt ihre Doktorarbeiten. Und ich fange gerade mal an mit meiner Masterarbeit.

So viel zu lernen und zu merken. Ich schreibe mir sehr viel auf. Ich habe trotzdem das Gefühl, mit viel zu vielen Infos bombardiert zu werden. Das „Einarbeiten“ geht so verdammt schnell. Heute zum Beispiel: Eine Färbung erklärt bekommen, die ich noch nie gemacht habe. Nicht einmal eine Minute. Danach sollte ich es können.

Nächste Woche soll ich in die Elektronenmikroskopie. Noch nie gemacht. Ich werde eine Einweisung bekommen. Wohl kaum mehr als bei anderen Techniken. Und dann soll ich das hinbekommen. Hilfe.

Ich habe jetzt einen Überblick, mit welchen anderen Abteilungen es Kooperationen gibt. Nicht sehr beruhigend: Unfallchirurgie. Da gehe ich normalerweise zum Nähen hin… Muss ich fürchten, dass meine Chefin irgendwas mitbekommt, wenn ich am Samstag irgendwann wieder dort hingehe? Klar, Schweigepflicht… Aber seien wir ehrlich: Ärzte halten sich da auch nicht immer dran.

Ich vermisse gerade Dr. H. so sehr. Ein vertrauter Mensch, der da ist, immer, egal was passiert. Ich würde ihn so gerne sehen, so gerne mit ihm sprechen. Irgendetwas Vertrautes, Beruhigendes. Er fehlt mir.

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