eisblau&honigsüß

manchmal kommt eben eins zum anderen und dann knallt’s

Nein, es ist nichts Schlimmes passiert. Kein katastrophales Ereignis, das mich aus der Bahn geworfen hat. Der gestrige Tag war einfach von Anfang bis Ende doof. Viele Kleinigkeiten, die für sich allein genommen kein allzu großes Problem gewesen wären.

… eine schlaflose Nacht… eine Schlägerei im Bus… ein Panikanfall durch einen Anruf von der Klinik (ich bin aus lauter Angst nicht dran gegangen)… ein verknackster Fuß… ein Brief von der Uni… ein Brief von der Krankenkasse… eine Mail von den Eltern, die ich mich nicht traute zu lesen… und dies noch, und das noch, und jenes noch…

Am Abend dann Bedarf genommen. Nachdem ich den ganzen Tag geskillt habe wie blöd, wollte ich einfach nur noch meine Ruhe haben und schlafen… der Schlaf kam dann auch zügig. Hielt nur nicht lange an. Beim Aufwachen hat das Hirn wieder Mist gebaut – Schlafparalyse. Die Horror-Version mit Halluzinationen. Das hat mir den Rest gegeben.

Psychiatrie, mitten in der Nacht. Gespräch mit Pflege. Beruhigen. Selbstverletzung beichten…

Dann Chirurgie. Nach 3 Monaten ohne Selbstverletzung ziemlich bitter. Immerhin waren sie sehr freundlich. Die Schwester ist sowieso ein Goldstück, und sogar der Arzt konnte Humor aufbringen, obwohl er meinetwegen aus dem Bett geklingelt wurde.

Wieder zurück in die Psychiatrie. Arztgespräch. Auch von der Ärztin keine Vorwürfe (Warum auch? Die mache ich mir ohnehin selber mehr als genug!) Eher Verständnis und Anerkennung, dass ich es drei Monate ohne SVV geschafft habe, und auch in der Nacht gekommen bin, bevor es noch weiter eskaliert. Ich hätte endlos weiterschneiden können!

Noch ein paar Stunden auf Station. Gespräche, Ablenkung, Skills, Gespräche.

Hört dieser Mist denn nie auf? Kämpfen und auf die Fresse fallen, aufstehen, kämpfen, fallen, aufstehen, kämpfen, fallen…

5 Kommentare »

Als ich die Laborergebnisse von der letzten Blutabnahme sehe, wird es erstmal ganz leer und still in mir. Dann fange ich an zu lachen und kann nicht mehr damit aufhören. Nicht, weil die Werte so unglaublich witzig sind. Das sind sie nicht. Trotzdem kann ich in dem Moment nur daran denken, dass mein Leben schon irgendwie einen absurd-schrägen Sinn für Humor hat.

Anfang des Jahres hieß es: Lumbalpunktion, nur zur Absicherung, da wird nichts Auffälliges bei rauskommen, das wird ganz sicher völlig unauffällig sein. War’s dann doch nicht. Aus einer Untersuchung „nur zum Ausschluss“ wurden mehrere Untersuchungen „zur Diagnostik der Auffälligkeiten“.

Dieses Mal hieß es: Schilddrüse scheint eine Unterfunktion zu haben, nicht schlimm, wir bestimmen noch ein paar Werte und geben L-Thyroxin. Sicherheitshalber testen wir auch auf Autoantikörper, aber keine Sorge, das wird ganz bestimmt alles negativ sein, wirklich, ist nur zum definitiven Ausschluss einer Autoimmunreaktion…

Ha. Ha. Ha.

Wirklich.

Hahaha!

Positiv. Ganz eindeutig positiv. Es konnten Autoantikörper nachgewiesen werden und zwar weit über der Norm-Obergrenze. Mein Immunsystem kämpft gegen die Schilddrüse. So viel zum Thema: „Sie haben ganz bestimmt keine Autoimmunerkrankung, wir testen das nur, weil wir das eben immer testen, wenn die Schilddrüsenwerte nicht passen, keine Sorge, da wird nichts Auffälliges bei rauskommen.“

Zweimal innerhalb eines halben Jahres wurde aus „Nur zum Ausschluss, keine Sorge!“ ein „Oh. Mist. Da ist doch was… Verdammt.“

Mein Leben scheint an diesem Mist Gefallen gefunden zu haben.

 

11 Kommentare »

ungeschminkt

„Viel zu anstrengend… Lass es bleiben… Sag ab, irgendeine Ausrede findet sich schon, Magen-Darm geht immer… oder die neuen Medis, Nebenwirkungen, kann man ja bisschen übertreiben, dann passt das… aber nicht aufstehen, okay? Nicht aufstehen, nicht Bahnhof, Zugfahren, X. treffen, wieder Zugfahren… Viel zu viel! Hörst du? Viel-zu-Viel!!“

Fast hätte ich nachgegeben. Das bloße Aufstehen kostet schon so verdammt viel Kraft. Irgendetwas tun, unternehmen ist Anstrengung hoch drei. Und das noch den ganzen Tag! Puh.

Schlussendlich habe ich nicht nachgegeben. Aufstehen, fertig machen, Bus, Bahnhof, Zug. Soooo anstrengend. Erst als ich an meinem Ziel ankam und meine liebe liebe X. in die Arme schließen konnte, war plötzlich alles gar nicht mehr so schlimm.

Er war schön, dieser Tag. Gepflegtes Nichtstun. Einfach nur am See rumsitzen, Eis essen, quatschen über Gott und die Welt. Es ist so wunderbar, Menschen zu treffen, die man kennt und bei denen man weiß, dass man nicht bewertet wird und nichts leisten muss. Das reine Dasein reicht, es reicht vollkommen. Nur sich sehen, zusammen sein, Zeit miteinander verbringen. Nein, es ist mehr als „es reicht“ – es ist toll, perfekt, kraftgebend. Zu wissen, dass man nichts tun muss, nichts beweisen muss. Keine Anstrengungen notwendig, keine Lügen, keine Masken. Ich bin, wie ich bin, und ich bin hier mit dir, die Sonne scheint und die Wellen des Sees plätschern am Ufer. Mehr braucht es nicht. Wir brauchen nicht einmal permanent zu reden. Keine krampfhafte Suche nach Gesprächsthemen. Entweder ergeben sich die Gespräche von selbst oder wir sitzen einfach schweigend beisammen. Beides ist okay, beides ist gut.

Manchmal, nach Tagen wie diesen, fühle ich mich wie eine Kugel an einem Berg. Es kostet so verdammt viel Kraft die Kugel nach oben zu schieben. Aber wenn man oben ist, wenn man die Anstrengung hinter sich hat – dann kann man loslassen. Die Kugel rollt von ganz alleine ihren Weg entlang.

Mir scheint das manchmal das größte Problem bei der Depression zu sein: den Berg heraufzukommen. Bei jeder noch so kleinen Tätigkeit. Ich weiß, dass die Kugel von selber rollen wird – aber erstmal muss ich sie den Berg hochschieben. Viel, viel Kraft aufbringen, damit die Dinge ins Rollen kommen. Jedes Mal aufs Neue. Jeden Morgen nach dem Aufwachen, zigtausendmal am Tag. Hochschieben – und dann geht es. Wieder und wieder und wieder.

Ich bin froh, dass ich Freunde habe, zu denen ich ehrlich sein kann und darf. X. ist so eine Freundin. Ihr muss ich nichts vorlügen. Ihr kann ich sagen, dass ich wieder eine depressive Episode habe und alles so verdammt anstrengend ist. Ich muss nicht lügen – ich kann sagen, dass ich keine Ahnung habe, ob ich die Kraft aufbringe, wirklich zum See zu fahren. Sie schafft es auf eine angenehme Art und Weise, mich dazu zu ermutigen. Und wenn wir uns dann wirklich sehen, erwartet sie nichts von mir. Wir müssen nichts tun. Nicht ewig rumlaufen, nichts besichtigen, nichts unternehmen. Es ist voll und ganz ausreichend, dass wir zusammen sind. Und wenn ich nach dem Kraftakt aus Aufstehen, Waschen, Anziehen, Busfahren, Zugfahren einfach nur noch irgendwo rumsitzen will – dann sitzen wir eben nur rum. Nur kurz ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof runter zum See, ein schönes Plätzchen gesucht, und da sitzen wir dann eben den ganzen Tag, reden oder schweigen, beides ist okay.

Ich weiß nicht, ob sie wirklich eine Vorstellung davon hat, wie sich Depression anfühlt. Wie Depression ist. Aber das spielt auch keine Rolle. Sie weiß, dass ich immer wieder depressiven Episoden durchlebe. Und sie akzeptiert das einfach. Nimmt es hin und macht das beste draus. Wenn es mir gut geht und ich was unternehmen will – super, dann unternehmen wir was. Wenn mich die Depression fesselt und mich schon das Treffen alle Kraft kostet, dann sitzen wir eben entspannt irgendwo zusammen am See. Beides ist okay, beides ist gut.

Solche Erlebnisse tun mir gut und geben mir Kraft. Das Wissen, dass ich angenommen werde, wie ich bin. Dass ich nicht immer Leistung bringen muss. Dass ich einfach nur Da-Sein kann – und dass das vollkommen ausreichend ist. Nur Da-Sein, Zusammen-Sein. Ohne irgendetwas Besonderes tun, ohne irgendwelche herausragenden Leistungen bringen zu müssen.

Nur Da-Sein. Ich-Sein. Ohne Lügen, ohne Masken. Ungeschminkt, wie ich eben bin.

1 Kommentar »

er ist wieder da

Dr. H. ist seit Montag wieder aus seinem ewiglangen Urlaub zurück. Ich kann nicht gerade behaupten, dass mich das erleichtert oder freut. Er ist halt wieder da, nichts weiter, Punkt.

Montag Früh bin ich ihm in der Ambulanz über den Weg gelaufen. Nach kurzem Smalltalk haben wir uns darauf geeinigt, den Termin, der für Montag Nachmittag geplant war, auf heute zu verschieben. Meine Argumentation: der erste Arbeitstag nach so vielen Wochen sei doch bestimmt arg stressig und chaotisch, und er habe ja mittags noch diesen anderen großen Termin in Weiter-Weg-Stadt und überhaupt und sowieso – wäre doch besser, unseren Termin zu verlegen. Die Wahrheit ist deutlich schlichter: nach dem Wochenende bei X. ging es mir so gut, dass ich schlicht und ergreifend keine Lust hatte, über Probleme zu reden.

Also sehe ich ihn heute Nachmittag zum ersten Mal nach fast 7 Wochen wieder. Ich verspreche mir von dem Termin nicht viel. Wirkliche Therapie wird wohl kaum stattfinden. Erstmal updaten, erzählen, was so gewesen ist in den vergangenen Wochen (hm, ja, was war eigentlich?), wie es mir geht, blabla. Und die Fremdheit überwinden. Er ist mir fremd geworden, ich habe keinen Bezug, keine Verbindung mehr zu ihm. Er war zu lange abwesend.

Ein bisschen habe ich Angst vor dem Termin. Was soll ich ihm denn erzählen über die letzten Wochen? Mir ging es nicht gut, mir ging es schlecht, mir ging es miserabel. Ich war stationär, ich war nochmal stationär, und nochmal. Es gab Selbstverletzungen, Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidabsichten. Die Medikamente nehme ich manchmal, und manchmal nehme ich sie nicht. Was das Studium betrifft, bin ich keinen Millimeter weitergekommen, auch von den anderen Problemen habe ich keines gelöst, es sind nur noch mehr Probleme dazugekommen.

Tolle Bilanz. Er wird enttäuscht sein von mir.

2 Kommentare »

Eindrücke eines Wochenendes

… auf der Ufermauer liegen, dem Wellenplätschern lauschen, über Alles und Nichts reden, oder schweigend das Zusammensein genießen…

… Einblicke in eine fremde Familie, eine funktionierende Familie…

… Sonne, Hitze, völlig verschwitzt und dann eine kühle, frische Dusche…

… auf dem Berg sitzen, mit Blick über den See und die Stadt, bis die Dämmerung alles in Dunkelheit hüllt…

… prasselndes, knisterndes Lagerfeuer, leuchtend orangerote Funken in der Dunkelheit…

… Menschen, gutgelaunte, entspannte Menschen, eine Atmosphäre, die mitreißt, hinaufzieht…

… Blitze, die den ganzen Himmel erhellen, ein Gewitter ohne Donner und Regen…

… Zitronen, so süß, dass es schon zu süß ist, süßer als purer Zucker, und Menschen, die seltsam schauen, als wir die Zitronen futtern wie andere Menschen Orangen…

… Feuerwerk, Oh! und Wow! und Ach!…

… nächtlicher Rückweg vom Berg, auf einem kleinen Pfad durch den Wald, nur die Taschenlampe gibt Licht, ein bisschen wie die Nachtwanderung im Schullandheim…

… plaudern bis spät in die Nacht, ins Bett fallen, schlafen, tief und fest und erholsam schlafen in diesem fremden Bett und morgens ganz überrascht sein, wie gut es sich anfühlt, dort aufzuwachen, wie gut und sicher und richtig…

… Frühstück im Garten, mit ihren Eltern zusammen, so entspannt, als wäre es ganz normal, dass ich da bin, als würde ich dazu gehören, einfach so…

… und immer wieder der See, dieser wunderbare große See, der Seegeruch, das Wellenplätschern…

11 Kommentare »