eisblau&honigsüß

Krisenintervention

Die vergangene Nacht habe ich in der Klinik verbracht. Es ging nicht mehr anders. Es war schon seit Tagen sehr, sehr grenzwertig. Zu viele Gedanken an damals, zu viele Erinnerungen, zu viele alte Gefühle. Zu viel Schmerz, zu viel Blut, vu viele Selbstbestrafungen.

Gestern Früh war ich noch beim Herrn Psychiater, aber so wirklich geholfen hatte mir der Termin nicht. Ich wollte nicht auf Station, aber ich wusste nicht, wohin sonst. Wusste nur, dass es nicht gutgehen würde, wenn ich nach Hause gehe. Also bin ich eben doch auf Station gegangen. Vernunftsentscheidung, auch wenn es sich so so sooo falsch angefühlt hat.

Ich hatte ein Gespräch mit einer Assistenzärztin und dem Herrn Oberarzt und wurde direkt aufgenommen. Zwar mit der Option, dass ich auch jederzeit wieder entlassen werden kann, aber irgendwie war wohl jedem so mehr oder weniger klar, dass „ein paar Stunden Krisenintervention“ nicht ausreichen würden, dieses Mal nicht. Trotzdem habe ich bis zum Abend gezögert, mich darauf einzulassen, die Nacht in der Klinik zu verbringen. Auch das war letztlich eine Entscheidung rein aus Vernunft. Es hat sich nicht gut, nicht richtig angefühlt, dort zu bleiben, aber irgendwie war mir dann doch klar, dass es nicht klappen würde, wenn ich die Nacht zu Hause verbringe. Hatte ja schon die Nacht davor nur noch gerade so funktioniert, schlaflos, mit Flashbacks, Selbstverletzungen und diesem irrsinnigen Drang, dass es endlich vorbei ist, dass alles ein Ende bekommt…

Der Abend in der Klinik war dann leider sehr unruhig und schwierig für mich. Es gab „Probleme“ mit einer Mitpatientin… Mir wurde zwar später von Pflege und Ärztin mehrfach bestätigt, dass ich mich absolut richtig verhalten habe, aber trotzdem waren ihre Beleidigungen und Beschimpfungen nur schwer auszuhalten. Zumal sie es schaffte, auch einige Mitpatienten gegen mich aufzubringen. Es ist nicht schön, wenn man sich nicht mehr über Station bewegen kann ohne böse Blicke und Beschimpfungen zu bekommen…

Dankbar, sehr sehr dankbar, bin ich der Ärztin und der Pflege, die mich ohne große Diskussion noch in der Nacht für eine Weile nach draußen gelassen haben, damit ich wenigstens ein bisschen Abstand zu dem ganzen Theater bekommen kann. Und in Ruhe eine rauchen, ohne mich den Anfeindungen auf dem Raucherbalkon aussetzen zu müssen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, das weiß ich. Eigentlich darf man nach halb neun nicht mehr raus… Dass ich ohne Probleme – nur mit Frage, ob ich auch wirklich zurückzukomme – spät abends noch nach draußen gelassen wurde, ist wirklich beachtenswert und ich bin dankbar dafür.

Später hatte ich dann noch ein Gespräch mit der Ärztin. Zu den frischen Verletzungen, die ich mir im Laufe des Abends zufügte, sagte sie nicht viel. „Ist halt passiert.“ Auch sie versicherte mir nochmal, dass ich alles richtig gemacht habe, dass ich mir nichts vorwerfen muss, dass sie froh ist, dass ich bestimmte Dinge gemeldet habe, auch wenn ich dafür jetzt leider angefeindet werde von der entsprechenden Patientin. „Sie haben ja mitbekommen, wieviel hier los war – wir haben das einfach nicht mitbekommen und sind wirklich froh, dass Sie Bescheid gegeben haben.“ – „Aber andere haben das auch mitbekommen und nichts gesagt. Vielleicht hätte ich auch nichts sagen sollen…?“ – „Nein! Sie haben alles richtig gemacht! Es tut mir leid, dass Sie jetzt so angegriffen werden, aber Sie haben sich richtig verhalten! Die anderen hätten das auch melden sollen. Aber es ist eben noch nicht jeder so weit wie Sie es sind…“ [„Ich muss diese Vorfälle dem Oberarzt melden. Kann sein, dass er morgen nochmal mit Ihnen darüber sprechen möchte… Ist das okay?? Wie gesagt: Sie haben absolut keine Schuld! Im Gegenteil!! Wir müssen das nur besprechen, und der Herr Oberarzt wird vielleicht auch Sie nochmal dazu befragen wollen…“]

Gespräche. Bedarfsmedikation. Gespräche. Schlaftablette.

Geschlafen habe ich schlecht. Oft aufgewacht, immer nach Alpträumen. Muskelkrämpfe am frühen Morgen. Und immer wieder die Schuldgefühle. Weinend aufwachen, umdrehen, erneut in den Schlaf weinen. Keine gute Nacht, aber immerhin habe ich geschlafen.

Heute Vormittag dann die Entlassung. Vielleicht wäre es besser gewesen, noch eine Nacht zu bleiben. Keine Ahnung. Ich denke, so ist es besser. Auch wenn der Abend und die Nacht schwierig waren, fühle ich mich doch etwas stabiler. Stabil genug, um nach Hause zu gehen. Gut geht es mir nicht, aber das ist okay. Es wäre zu viel verlangt wenn man erwarten würde, dass nach einer Kliniknacht aus einer Vollkatastrophe die völlige Glückseligkeit wird… Ich komme zurecht, das reicht mir.

Morgen habe ich dann den Termin mit dem Herrn Oberarzt. Ich habe nach wie vor Angst davor, bin mir aber inzwischen sicher, dass ich hingehen werde, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, was mich erwarten wird. Es hat mich ein bisschen beruhigt, dass er während der Krisenintervention ganz normal mit mir umgegangen ist. Dass er meine Email in keinster Weise erwähnt hat. Das finde ich wirklich sehr beruhigend. Es gibt da dieses Problem, das ich mit ihm habe, und er weiß davon. Und wir werden darüber sprechen – morgen! Nicht in Akutsituationen. Wenn es mir akut schlecht geht, verhält er sich mir gegenüber ganz normal. Daran hat sich nichts geändert. Ich bekomme nach wie vor Hilfe, wenn es mir sehr schlecht geht und ich Hilfe brauche. Ohne Wenn und Aber. Das mag ich an ihm wirklich – dass er strikt trennt zwischen „Notfall“ und „sonstige Probleme“. Auch wenn ich ihm den Text gemailt habe, muss ich die Klinik jetzt nicht meiden. Es ist alles okay. Wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich die auch.

(Vielen, vielen Dank für eure Kommentare!! Ich weiß nicht, ob ich dazu komme, alle zu beantworten. Aber ich habe alle eure Worte gelesen und danke euch sehr dafür!!)

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gestern (Spotlights)

Vergangene Nacht habe ich geschlafen wie ein Stein. Tief und fest und lang. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so viele Stunden so erholsam geschlafen habe. Ich habe viel geträumt in dieser Nacht, das erinnere ich vage, und die Träume waren nicht schön, aber irgendwie scheinen auch sie „richtig“ gewesen zu sein, entlastend, nicht belastend. Ich war ziemlich verblüfft, als ich heute Früh nach dem Aufwachen auf die Uhr sah und feststellte, dass es schon fast Mittag war. Wann habe ich das letzte Mal so lange in den Tag hinein geschlafen? Und das, ohne viel mit Medikamenten nachzuhelfen?

Ich denke, es war gut so. Der Körper hat es gebraucht, der Kopf sowieso. Der Tag gestern hat viel Kraft gekostet. Viele Gedanken, viele Emotionen. Plus die Anstrengung, die mit stundenlangem intensiven Weinen einhergeht. Glaubt einem auch niemand, der es nicht selbst erlebt hat – wieviel Kraft es kostet, wenn man stundenlang ununterbrochen weint, weint, weint.

Seltsamerweise denke ich heute kaum an die schlimmen Dinge von gestern. Den Schmerz, die Verzweiflung. Es ist wie weggeblasen. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Vielleicht verdränge ich, weil es zu sehr weh getan hat? Aber vielleicht ist es auch positiv, dass sich mein Hirn lieber mit den schönen Erfahrungen beschäftigen will. Keine Ahnung. Ich bin da sehr unsicher, und mitunter sind sich auch „Experten“ nicht einig, was denn nun besser ist: auf das Positive fokussieren, oder das Schlimme durcharbeiten. Vielleicht gibt es da auch kein absolutes Richtig oder Falsch. Wer weiß.

Ist auch egal. Wichtiger ist, wie es weitergeht. Dass es weitergeht.

Den heutigen Psychiater-Termin habe ich ausfallen lassen. So wie ich ihn kenne, wird er trotzdem zur vereinbarten Zeit auf mich gewartet haben. In der Hoffnung, dass ich doch komme, egal, was gestern passiert ist, und egal, was ich sagte. Naja, Pech für ihn. Während er auf mein Erscheinen in seinem Sprechzimmer wartete, lag ich noch tief schlafend im Bett… Ich finde das okay. Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht kommen werde, und der Schlaf war wohl notwendig für Körper und Geist. Ich hätte mir geschadet, hätte ich den Wecker gestellt um pünktlich beim Arzt zu sein.

Gehe ich morgen zu ihm? Keine Ahnung. Vielleicht? Noch eine Nacht schlafen. Eine Nacht die Ereignisse sacken lassen. Eine Nacht drüber schlafen. Ich bin mir sicher, dass er froh wäre, würde ich morgen wieder kommen. Auch wenn der gestörte Teil in mir sagt, dass er froh wäre, würde die Polizei zu ihm kommen und ihm sagen, dass es mich nicht mehr gibt… Aber das ist eben der gestörte Teil, nicht wahr? Der Teil, der alles falsch versteht und überall Gefahr und Gewalt und Hass wittert. Der Teil, der den Unterschied zwischen „damals“ und „heute“, „Täter“ und „Helfer“ noch nicht verstanden hat.

Vielleicht gehe ich morgen wieder zum Herrn Psychiater. Ich habe Angst vor einem Wiedersehen. Aber ich glaube, dass es gar nicht so schlimm würde. Es war auch gestern gar nicht so schlimm, wie ich dachte, als ich zu Krisenintervention-II zurück auf Station ging. Ich hätte keine Angst haben müssen, vor ihm. Die Machtverhältnisse waren eher umgedreht. Es klang wirklich, als ob er (!) mich (!) um Erlaubnis für ein Gespräch fragt. Ich kaufe ihm auch ab, dass er nicht wusste, wie weh mir seine Aussagen während Krisenintervention-I getan haben. Er wusste es wirklich nicht. Er hatte keine Ahnung, was er anrichtet.

„Ich habe das nicht gesagt, um Ihnen weh zu tun… Es ist nur… Ich will Ihnen helfen, okay?“. Ja. Okay. Es tat weh und es tut noch immer weh, aber ja, okay, ich glaube ihm das. Er wirkte ehrlich bestürtzt, als er fragte, ob ich nach der Entlassung aus Krisenintervention-I überhaupt zu Hause gewesen sei und ich antwortete „Nein. War ich nicht. Ich saß unten, auf der weißen Bank. Habe pausenlos geheult. Habe den Zügen gelauscht, die vorbeirauschten. Und bin wieder zurückgekommen.“

Was ihm die Pflege erzählt hat, weiß ich nicht. Vermutlich einfach nur, wie es mir ging, als ich zurückkam auf Station. Heulend, fast unfähig, meinen Schmerz in Worte zu kleiden. Wie lange brauchte der Pfleger, um mich ins Stationszimmer zu bugsieren? Am liebsten wäre ich gleich neben der Eingangstür der Station zusammengesunken. Irgendwie motivierte er mich zum Weitergehen, Schritt für Schritt, in den Schutzraum des Stationszimmers. Ich habe literweise Tränen vergossen. Gelacht, ja, gelacht habe ich, eine unangemessene Reaktion, aber passiert, warum auch immer, ich habe heulend gelacht. Geredet, Worte, Sätze, wirr, geordenet, durcheinander, mit Sinn, ohne Sinn. Vermutlich hat ihm die Pflege das weitergegeben – dass ich völlig neben der Spur war, als ich auf Station kam. Vermutlich hat er sich dann seinen Teil gedacht.

Manches verschwimmt im Nebel von diesem Abend. Dieser Nacht. Vielleicht ist das auch gut so. Man muss nicht alles wissen, nicht alles erinnern. Manchmal ist es besser, zu vergessen.

Was bleibt, ist der Schmerz. Die Erinnerung an die anderthalb Stunden auf der Bank. Die weiße Bank vor der Klinik, auf der ich zwischen Krisenintervention I und II saß und nur geweint habe. Die Kälte. Der Wind, der an den Haaren reißt. Die Regentropfen, die wie Kanonkugeln auf die Haut peitschen. Die Züge auf den naheliegenden Gleisen. Das Licht der Klinik. Das Ausklinken – weg sein, für einen Moment nicht mehr existieren, Filmriss, und dann wieder existieren, im Warmen, im Licht, auf Station, ohne Erinnerung an die Minuten davor.

Ich schreibe wirr und durcheinander, ich merke es selbst. Aber ich schreibe eben so, wie ich denke. Wie ich fühle. Wie ich erinnere. Ich schreibe so, wie ich „gestern“ wahrnehme – wirr und durcheinander. Eindrücke, Gefühle, Gedanken. Es gibt keine Struktur. Nur Spotlights, die mal hier, mal da etwas hervorheben…

 

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nichts gebracht und dennoch… dennoch

Die Krisenintervention gestern hat mir kein bisschen geholfen. Außer, dass ein paar Stunden Zeit verstrichen sind, in denen ich mir nichts angetan habe. Davon abgesehen ging es mir nach der Krisenintervention eher schlechter als vorher. Also keine sehr erfolgreiche Aktion insgesamt.

Schuld daran – wenn man dabei überhaupt von Schuld sprechen kann – bin ich selber. Ich lehnte Gespräche ab, obwohl so viel in mir drin ist, das ausgesprochen werden will und müsste. Aber ich kann (oder will) nicht sprechen, kann die aufgestauten Worte nicht aus meinem Mund fließen lassen. Würde ich anfangen zu reden, würde ein tosender Wasserfall aus mir herausbrechen und alles und jeden mit sich fort reißen.

Sie können mir nicht helfen, so lange ich nicht rede. Das weiß ich.

Andererseits war gestern auch niemand dort, mit dem ich wirklich hätte reden können. Der doofe Pfleger, der mich angeschrien hatte und der mich jetzt nicht einmal mehr grüßt (kindisch, irgendwie). Der Dienstarzt, mit dem ich noch nie wirklich gut reden konnte, trotz zahlreicher Versuche. Er ist kein guter Zuhörer und er nimmt sich auch keine Zeit für Gespräche. Mein längstes Gespräch mit ihm dauerte knapp drei Minuten. Das war ein Aufnahmegespräch. Ich hatte auch schon „Aufnahmegespräche“ mit ihm, die komplett ohne Gespräch stattfanden – ein bisschen indirekte Kommunikation mittels der Pfleger und das war’s.

Mit der anderen Pflegerin gestern hätte ich reden können. Vielleicht. Sie ist okay – mittlerweile ist sie okay. Vor Jahren, als ich sie kennenlernte, war sie ein ziemlicher Drache. Grob, hart, nicht einfühlsam. Wir hatten irgendwann in diesem Jahr mal darüber gesprochen, dass ich damals regelrecht Angst vor ihr hatte und dass ich sie jetzt als viel verständnisvoller erlebe. Dass sie sich verändert habe. Sie meinte, dass das nicht nur an ihr liege (auch wenn sie durch viele Fortbildungen inzwischen wohl wirklich mehr Verständnis aufbringen kann). Auch ich hätte mich verändert. Wir hätten uns beide so weit geändert, dass wir nun wirklich miteinander reden können, ohne dass es nach zwei Sätzen in Abwehr und Streit ausartet. Trotzdem hat sich mein Trauma-Ich gemerkt, dass diese Frau mal weh getan hat und warnt vor zu viel Vertrauen. Wie auch beim Herrn Oberarzt. Auch mit ihm komme ich inzwischen gut zurecht (meistens), aber er hat früher weh getan, also Achtung! Kann beißen, bitten halten Sie Abstand, nicht füttern, nicht streicheln.

Aber auch wenn (oder gerade weil?) es mir nach der Krisenintervention schlechter ging als vorher, spielte ich mit dem Gedanken, stationär zu bleiben. Ich spiele noch immer mit diesem Gedanken – stationäre Aufnahme, ein paar Tage, vielleicht auch wieder Wochen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich zu Hause kaum mehr zurecht komme. Der Ambulanzpsychiater würde es wohl auch begrüßen, wenn ich mich für eine stationäre Behandlung entscheide…

Nur was sollte das bringen? Sie würden sehen, dass meine Medikation derzeit ein einziges Chaos ist und versuchen, da wieder Ordnung reinzubringen. Sie würden sehen, dass ich depressiv bin und die Depression behandeln und glauben, dass sie damit auch die Ursache für Selbstverletzung und Suizidalität bereinigen. Ich müsste reden, reden, reden, damit sie überhaupt verstehen könnten, dass das nicht viel ändern wird. Es würde nicht die Probleme beseitigen, die mich so sehr an Suizid denken lassen. Denn das ist nicht Folge der Depression. Aber das verstünden sie nur, wenn ich endlich spreche über meine Probleme, und das ist so unvorstellbar. Also würden sie fleißig meine Medikamente in Ordnung bringen und wären zuversichtlich, dass alles gut wird, wenn nur die Depression wieder abklingt. Sie würden die Gartenlaube reparieren, während das Wohnhaus weiter an allen Ecken und Enden zerbröckelt und zu Staub zerfällt. Sie würden an der falschen Baustelle arbeiten und glauben, es wäre die richtige.

Ich müsste reden. Reden. Reden. Anders hätte eine stationäre Behandlung keinen Sinn und würde nichts bringen. Ein paar Mal wollte ich reden. Habe es versucht. Aber die Lippen wollten sich nicht öffnen, die Zunge klebte bewegungslos irgendwo in meinem Mund, die Stimmbänder weigerten sich, auch nur den leisesten Ton von sich zu geben. Es ist ein bisschen wie früher, in der Jugend, als ich nicht mehr gesprochen habe. Nur nicht ganz so extrem. Damals habe ich oft tagelang kein Wort gesagt und an „Sprechtagen“ konnte ich die Worte, die meinen Mund verließen, mühelos an den Fingern abzählen. Jetzt rede ich noch, manchmal, über belangloses Zeugs, zwanglose Plaudereien. Nur wenn es um mich geht, um meine Gefühle, meine Sorgen, dann verstumme ich wieder.

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Krisenintervention und der Brief

Heute nach mehreren Wochen wieder eine Krisenintervention. Wieder den halben Tag auf Station verbracht. Wieder nicht gewusst, wohin sonst mit mir. Alles so unerträglich.

Ein bisschen besser geht’s mir jetzt. Ruhiger, gelassener, Boden-unter-den-Füßen. Wirklich gut geht’s mir nach wie vor nicht und von „stabil“ bin ich auch weit entfernt. Aber das ist okay. Die Ultrakurz-Kriseninterventionen dienen nur dazu, mich so lange zu schützen, bis ich garantieren kann, mir nichts anzutun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Akute Überlebenshilfe gewissermaßen.

Abgesehen von dem Schutz, den ich dort bekommen habe, war es gut, dass ich mit der Stationsärztin sprechen konnte, die den letzten Brief verfasst hatte. Den mit den falschen Diagnosen und diversen sonstigen Fehlern. Ich hatte mich ja schlussendlich dann doch dagegen entschieden, den Rotstift zu zücken und diesen Mist zu korrigieren… Aber heute, als ich ihr gegenübersaß, konnte ich es mir nicht verkneifen, mich zu dem Brief zu äußern, denn gewurmt hatte es mich immer noch. Ich glaube, ihr war das nicht so ganz recht, vielleicht (oder vor allem) weil der Herr Oberarzt auch dabei gewesen ist. Manche Ärzte mögen keine Kritik, allemal nicht, wenn noch Kollegen mithören. Naja. Wirklich leid tut sie mir nicht – ein bisschen besser zuhören im Aufnahmegespräch und ein bisschen weniger Copy&Paste von alten Briefen, dann wäre der Brief okay gewesen.

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gefühlt eine Ewigkeit

Es sind gerade mal zwei Tage Krisenintervention rum, aber mir kommt es vor, als sei ich schon ewiglange in der Klinik. Am liebsten würde ich um Entlassung bitten und nach Hause gehen, weil es sich schon so verdammt lange anfühlt und nicht erst nur wie zwei Tage.

Aber es ist noch zu früh. Das weiß ich. Ich kenne mich gut genug um einschätzen zu können, ob es gut ginge, wenn ich jetzt entlassen werden würde. Ich weiß, dass ich mich sofort wieder verletzen würde. Es ist schon schwer genug, mich in der Klinik nicht erneut zu verletzen. Zu Hause, ohne die rund-um-die-Uhr-Hilfe und den geschützten Rahmen, würde ich das nicht packen.

Also bleibe ich erstmal noch dort. Morgen habe ich einen Termin mit Dr. H. Irgendwie freue ich mich darauf und habe zugleich irrsinnig Angst, was er dazu sagen wird, dass ich wieder stationär bin. Und was wird der Herr Ambulanzpsychiater wohl erst sagen? Er kommt morgen aus dem Urlaub zurück und wir haben uns ja ohnehin schon wochenlang nicht mehr gesehen – und das erste, das er zu/von mir hören wird, ist, dass ich wieder auf der Geschlossenen bin. Macht bestimmt ’nen tollen Eindruck.

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