eisblau&honigsüß

… und wie läuft’s mit dem Studium?

Davor hatte ich schon lange Angst: vor der Frage meiner Eltern, wie es denn mit dem Studium läuft, wann ich (endlich) fertig bin.

War klar, dass sie irgendwann fragen würden. Irgendwann, das war dann gestern.

Eine wirkliche Antwort habe ich nicht gegeben. Das betretene Schweigen hat mehr als genug gesagt.

Und nun? Gibt’s ein Nachspiel?

Ich bin versucht, eine Mail an meine Eltern zu schreiben. Zu erzählen, wie es wirklich ist. Dass die Telefonate nur Show sind, mehr Schein als Sein, die glückliche, zufriedene Tochter nicht existiert. Reinen Tisch machen, Die Wahrheit darauf ausbreiten: Abbruch der ersten Masterarbeit, erfolglose Suche nach einer neuen Stelle, erschwert durch die wiederaufgeflammte Depression, die Lebensmüdigkeit, die notwendigen Psychiatrieaufenthalte, die z.T. wieder massiven Selbstverletzungen, die chirurgische Behandlungen nach sich ziehen. Die vielen anderen Probleme, die ich habe und nicht zu lösen vermag.

Wäre ich dann noch ihre Tochter?

Ich denke, es würde unser ohnehin schon schwieriges Verhältnis nur noch komplizierter machen. Aber die Sehnsucht ist so groß, das kleine Mädchen weint so sehr, will Mama und Papa alles sagen und dann getröstet werden und alles wird gut. Das kleine Mädchen ist naiv, hat es in all den Jahren nicht gelernt. Will es nicht lernen, vielleicht kann es nicht lernen, ich weiß es nicht. Was es sich da erträumt, ist genau das: eine Träumerei. Nur eine Träumerei eines kleines Mädchens von einer liebenden Familie und unterstützenden Eltern.

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Sommer – und Selbstverletzung

Sie starren mich an, die Menschen da draußen, denen ich begegne. Okay, das ist eine maßlose Übertreibung – natürlich starren mich nicht alle an. Die meisten sind viel zu sehr mit ihren eigenen Sachen beschäftigt als dass sie mich überhaupt auch nur bemerken. Aber die, die mich bemerken, die starren mich an. Vor allem, wenn sie nichts zu tun haben, zum Warten verdammt sind. Im Bus, in der Straßenbahn, an den Haltestellen, an der Supermarktkasse. Sie haben nichts zu tun, beschäftigen sich indem sie sich umschauen und bleiben nur allzu oft an meinen Beinen hängen.

Es ist mir unangenehm. Sehr sogar. Nicht die Tatsache, dass sie sehen, dass ich mich selbst verletze. Oder dass sie mich deswegen für verrückt halten könnten. Das ist mir egal. Ich stehe dazu. Ich verletze mich selbst, ja. Ich bin ver-rückt, ja. Ich bin Psychiatrie-Patientin, ja.

Nein, mich stört, dass sie die Wunden nach meinem Empfinden gar nicht sehen dürften. Ich habe „Regeln“ im Kopf. Es ist okay, Narben offen zu tragen. Es ist nicht okay, nicht abgeheilte Wunden zu zeigen. Außer Ärzten, und auch dann nur, wenn es behandelt werden muss oder die Ärzte es sehen wollen.

Die Wunden an meinen Beinen sind viel zu frisch. Noch lange nicht so weit abgeheilt, dass es nach meinem Empfinden okay wäre, sie offen zu zeigen. Klar, sie sind nicht mehr ganz frisch, es strömt kein Blut mehr heraus oder sowas. Aber sie sind eben auch noch nicht verheilt. Hier ist noch was offen, und da ist noch Schorf. Viel zu frisch zum Zeigen.

Aber: es ist so verdammt heiß. Um 8 Uhr morgens waren es schon fast 25 Grad. Schwül. Windstill. Eine Luft, in der man eher erstickt als dass man sie wirklich atmen kann. Jeder läuft in sommerlicher Kleidung herum. Jeder von denen, die auf meine Beine starren als wäre ich in einer Freakshow angestellt.

Ich schäme mich sehr. Ich will nicht, dass irgendjemand denkt, ich trage die halbverheilten Wunden nur deswegen offen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Um bewusst zu provozieren. Das tue ich nicht. Es ist nur so verdammt heiß! Ich gehe in der Hitze ein, wenn ich lange Kleidung tragen muss. Es ist einfach zu warm! Ich passe meine Kleidung dem Wetter an, wie jeder andere Mensch auch, nicht mehr, nicht weniger.

Es tut mir leid, dass ich meinen Mitmenschen Wunden zumute, die ich selbst für „noch nicht zeigbar“ halte. Es tut mir wirklich leid. Ich will das nicht. Ich will niemanden mit den Wunden schockieren. Ich will damit keine Aufmerksamkeit auf mich lenken.

Ich will nur in der Sommerhitze nicht eingehen.

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nur scheinbar besser

Dass es mit den Selbstverletzungen momentan ganz gut aussieht, finden die Klinikmenschen super. Vor allem, dass es trotz des Krisenstresses wegen der Masterarbeit zu keinen Selbstverletzungen kam. Ewig nicht mehr in der Chirurgie gewesen, nur selten ein paar oberflächliche Wunden, lieber Krisenintervention als sonst was – wie toll!

Ich verschweige lieber, dass das nur eine Seite der Medaille ist. Im Grunde ist es kein bisschen besser geworden. Klar, die „klassische“ Selbstverletzung durch Schneiden und Verbrennen habe ich gut im Griff. Dafür läuft’s eben an anderer Stelle aus dem Ruder.

Eigentlich fing’s ganz harmlos und vernünftig an: mit den typischen Neujahrs-Vorsätzen „gesünder ernähren“ und „mehr bewegen“. Nimmt sich das nicht irgendwie fast jeder zu Beginn eines neuen Jahres vor…? Ist ja eigentlich auch okay, vor allem wenn man sich wirklich ungesund ernährt, kaum bewegt und starkes Übergewicht hat.

Problematisch wird’s, wenn man essgestört war ist. Das ist ein Problem, über das ich nur ungern rede. Mit den Klinikmenschen habe ich noch nie darüber gesprochen. Nur mal beiläufig erwähnt, dass ich in der Jugend bulimisch war.

Haha – als ob das längst der Vergangenheit angehört und Essstörung kein Thema mehr wäre!

Es ist nach wie vor ein Thema. Aktuell ein sehr großes Thema – für mich selbst jedenfalls; mit den Klinikmenschen spreche ich ja nicht darüber, also ist es für sie überhaupt kein Thema.

Ganz am Anfang des Jahres war’s noch okay – ein bisschen auf die Ernährung achten, ein bisschen mehr bewegen. Es hat nicht lange gedauert, bis es zu viel des Guten wurde. Ob meine derzeitige Ernährung gesund oder ungesund ist, darüber kann man streiten; zu wenig ist es sicherlich. Dass ich es mit „mehr bewegen“ übertreibe, steht hingegen außer Frage: jeden Tag fast bis zur Erschöpfung, egal ob ich Lust habe oder nicht, egal ob ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, egal ob die Muskeln und Gelenke schmerzen. Notfalls wird der Kreislauf eben mit Koffein aufgeputscht und die Schmerzen mit Tabletten bekämpft. Einfach mal ausruhen und sich den Körper erholen lassen? Nein! Kommt nicht in Frage!

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem die Klinikmenschen mich auf den Gewichtsverlust ansprechen werden. Denn Gewicht habe ich sehr viel verloren und das sieht man auch. Mir sind auch nicht die Blicke mancher Ärzte und Pfleger entgangen. Sie registrieren das sehr wohl, auch wenn bisher noch niemand was dazu gesagt hat, zumindest nicht direkt…

Andererseits wünsche ich mir fast, dass irgendjemand irgendetwas dazu sagt. Nicht, weil ich unbedingt darüber reden möchte – dafür schäme ich mich zu sehr für mein Gewicht. Aber einfach damit klar ist, dass lobende Worte bezüglich Selbstverletzung nicht angebracht sind, weil es eben nicht wirklich besser geworden ist, sondern sich nur auf ein anderes Problem verlagert hat. Und vielleicht auch, damit jemand ein Auge auf meine körperliche Gesundheit hat… Hungern, gelegentlich erbrechen, exzessive Bewegung und regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln – das ist für den Körper schließlich auch nicht so ganz ohne…

Ich denke, Ambulanzpsychiater wird mich nicht darauf ansprechen. Der sieht mich jede Woche und wenn man jemanden oft sieht, bemerkt man auch starke Gewichtsabnahme nicht so sehr, weil es seit dem letzten Treffen ja immer nur „ein bisschen“ weniger Gewicht ist. Andererseits wurden in den letzten Wochen meine Blutwerte auffallend oft kontrolliert; vielleicht hat er doch was bemerkt.

Bei Dr. H. mache ich mir da schon mehr Gedanken. Der hat mich jetzt ein paar Wochen nicht gesehen, da könnte ihm beim Termin nächste Woche schon auffallen, dass ich deutlich weniger wiege als beim letzten Termin. Ich glaube, bei ihm würde ich mich auch nicht ganz so krass schämen, darauf angesprochen zu werden (auch wenn es immer noch unangenehm wäre).

Panik habe ich davor, dass der Herr Oberarzt was dazu sagt. Der war ja jetzt auch eine Weile im Urlaub und hat mich dementsprechend länger nicht gesehen. Und würde er was sagen, würde ich vermutlich auf der Stelle vor Scham im Erdboden versinken. Er wirkt einfach zu perfekt, zu makellos. Das ist er natürlich nicht, aber er wirkt eben so. Bei ihm schäme ich mich oft für meine Probleme, meine Schwächen, meine Nicht-Perfektion.

Ach, weiß auch nicht. Ich bin momentan sehr zwiegespalten, was die Ess- und Gewichtsproblematik angeht. Ich weiß, dass es ungesund ist, was ich tue und dass das ganz eindeutig wieder eine Eskalation der Essstörung darstellt. Ich sollte mit den Ärzten darüber sprechen. Andererseits ist mir das sehr sehr unangenehm und ich weiß auch nicht, ob ich wirklich ernsthaft ein gesünderes Ess- und Bewegungsverhalten anstrebe.

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dann kommt die Scham

Und mit der Überlegung, dass möglicherweise viele (vielleicht auch alle) Probleme mit dem Herrn Oberarzt auf Missverständnissen beruhten, kommt die Scham.

Was muss er im November nur von mir gedacht haben?! Die ganzen Vorwürfe, die ich ihm machte… die ganzen blöden Situationen, die ich ihm vorwarf… die ganzen Gründe, die dagegen sprachen, ihm zu vertrauen…

Wie oft hat er in unserem Gespräch wohl gedacht „Aber das stimmt doch gar nicht! So war das nicht!“

Ich an seiner Stelle wäre vermutlich ausgerastet, wenn man mir so viele aus meiner Sicht unberechtigte Vorwürfe gemacht hätte. Erstaunlich, wie ruhig er geblieben ist. Erstaunlich, dass er sich alles angehört hat. Darauf einging. Nicht einmal versucht hat, sich zu verteidigen.

Hätte ich nicht schon im November auf die Idee kommen müssen, dass wir vor allem durch Missverständnisse Probleme miteinander haben? Denn wäre er wirklich so machtgeil und überheblich, wie ich dachte, hätte er sich doch nie die Zeit für ein Gespräch mit mir genommen… Hätte er nie meine Kritik angehört und ohne Rechtfertigung akzeptiert…

Wir waren so nahe dran, unser Problem zu verstehen, damals, im November. „Ich kann nicht in Ihren Kopf schauen. Ich kann Ihre Gedanken nicht lesen.“ – „Und ich weiß auch nicht, was in Ihrem Schädel vor sich geht.“ Ja, verdammt, ja. Das trifft unser Problem so gut. Wir wissen einfach nicht, was der andere denkt. Aber anstatt zu fragen, stellen wir Mutmaßungen an. Handeln danach. Mal klappt das – mal nicht.

Trotzdem haben wir beide nicht verstanden, dass genau das das Problem ist: wir vermuten, was der andere denkt, aber wir wissen es nicht. Und fragen auch nicht danach.

Ich weiß nicht, ob er das inzwischen verstanden hat. Vermutlich ja (wieder eine Mutmaßung…). Denn seit unserem November-Gespräch sagt er mir häufiger, was er denkt. Er handelt nicht nur – er erklärt mir seine Überlegungen dazu. Das war früher nicht so. Er hatte mich nie den Menschen sehen lassen, der er ist. Mir nie seine Gedanken und Überlegungen offenbart.

Aber ich schäme mich sehr. Es tut mir einfach irrsinnig leid, dass ich ihn so sehr kritisiert habe, obwohl das meiste einfach nur Missverständnisse waren. Er hat wohl nie absichtlich gegen meinen Willen gehandelt. Nie versucht, mir seine Macht zu demonstrieren und mich zu unterwerfen. Nie. Nie. Nie. Aber genau das habe ich geglaubt. Ihm vorgeworfen. Machtgeilheit. Dabei waren es nur Wohlwollen und Fürsorge, die falsch bei mir ankamen. Mein Fehler. Es tut mir so leid.

War das der Grund, warum er überhaupt das Gespräch mit mir suchte? Dass er nicht verstanden hat, warum ich ihm so viele Vorwürfe machte, obwohl er mich doch nie nie nie vor den Kopf stoßen wollte? Dass es ihm wirklich am Herzen lag, gut mir umzugehen – und er das versuchte – und nicht verstand, warum ich das anders wahrgenommen habe? Wo er doch alles richtig machte – aus seiner Sicht gesehen…

Himmel. Ich schäme mich so sehr! Ich habe bei Kollegen über ihn geschimpft. Ich habe ihn im Beisein von Kollegen runtergemacht. Ich habe ihm nur Vorwürfe und Misstrauen entgegengebracht.

Er muss sich die meiste Zeit genauso missverstanden gefühlt haben wie ich.

Aber er hat das ohne Klage angenommen. Er hat sich kritisieren lassen. Während ich daran festhielt, dass er der Böse, der Schlimme, der Furchtbare ist. Und nicht einmal in Erwägung zog, dass es auch an mir liegen könnte.

Rückgängig machen kann ich das nicht. Leider. Es tut mir einfach nur unendlich leid. Wie ich reagierte, wie ich mich ihm gegenüber verhielt, was ich über ihn sagte, was ich ihm vorwarf. Es war so unfair.

Trotzdem. Die Zeit läuft nur in eine Richtung: nach vorn. Rückgängig machen geht nicht. Ich kann nur akzeptieren, dass ich mich in ihm täuschte. Und in Zukunft mit ihm reden, anstatt ihm machtgeile Willkür vorzuwerfen.

 

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