eisblau&honigsüß

Gefühle-Mischmasch

Durcheinander, antworte ich auf die Frage, wie es mir heute geht. Er versteht das natürlich erstmal falsch. Ich kann’s ihm nicht verübeln. Es ist auch nicht das richtige Wort.

Ich bin nicht durcheinander. Ich fühle nur durcheinander.

Mir geht es gleichzeitig gut und schlecht. Ich bin entspannt, drehe durch vor Angst. Bin glücklich und lebensmüde. Voller Energie und völlig kraftlos. Ich summe lächelnd vor mich hin, während das Leben so weh tut, dass ich weinen muss.

Gibt es dafür ein passendes Wort? Keine Ahnung. Genauso wie ich gerade tausend Gefühle gleichzeitig habe, passen auch tausend Worte. Und genauso, wie keines der Gefühle so richtig da ist, passt auch kein Wort so richtig. Von allem ein bisschen, nichts Halbes und nichts Ganzes, nicht Fisch, nicht Fleisch.

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Der Herr Psychiater hat sich nochmals entschuldigt für diesen grauenhaften Dienstag Abend. Kein Vorwurf, dass ich übertreibe, zu empfindlich bin, mich anstelle. Nur eine Entschuldigung. Und eine Erklärung (keine Rechtfertigung), wie er seine Worte meinte. Was er eigentlich bezweckte.

Es ging nicht darum, mich abzuweisen. Es war keine Aussage im Sinne von „Sieh zu, wie du selbst klarkommst, und verpiss dich von hier!“ Kann ich jetzt nachvollziehen, teilweise. Dienstag konnte ich das gar nicht begreifen. Warum er mich nach Hause schickte, obwohl ich doch klar sagte, dass es mir gar nicht gut geht und ich nicht sicher bin, ob das zu Hause gut geht und ich ausdrücklich um stationäre Aufnahme bat. Naja. Jetzt, mit ein bisschen Abstand und Erklärung verstehe ich seine Intention. Auch wenn ich nach wie vor denke, dass er sich nicht ideal verhalten hat und seine Logik einen ziemlichen großen Fehler hatte (darauf hingewiesen, gab er mir auch Recht). Naja, egal. Passiert ist passiert.

Irgendwie sehe ich gerade vor allem, dass es ein Fortschritt ist: statt wie früher Wochen oder Monate jegliche Hilfe abzulehnen, habe ich dieses Mal nur einen Tag gebraucht, um mich wieder zu beruhigen. Klingt vielleicht banal, ist für mich aber wirklich ein großer Fortschritt. Auch, dass ich die Medikamente trotz allem weitergenommen habe. Hm. Eigentlich ist es für mich schon beachtlich, dass ich noch am Dienstag Abend wieder zurück auf Station gegangen bin – ohne Selbstverletzungen, ohne Intoxikationen. Geheult, mit mir gekämpft – aber letztendlich einfach zurückgegangen.

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gestern (Spotlights)

Vergangene Nacht habe ich geschlafen wie ein Stein. Tief und fest und lang. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so viele Stunden so erholsam geschlafen habe. Ich habe viel geträumt in dieser Nacht, das erinnere ich vage, und die Träume waren nicht schön, aber irgendwie scheinen auch sie „richtig“ gewesen zu sein, entlastend, nicht belastend. Ich war ziemlich verblüfft, als ich heute Früh nach dem Aufwachen auf die Uhr sah und feststellte, dass es schon fast Mittag war. Wann habe ich das letzte Mal so lange in den Tag hinein geschlafen? Und das, ohne viel mit Medikamenten nachzuhelfen?

Ich denke, es war gut so. Der Körper hat es gebraucht, der Kopf sowieso. Der Tag gestern hat viel Kraft gekostet. Viele Gedanken, viele Emotionen. Plus die Anstrengung, die mit stundenlangem intensiven Weinen einhergeht. Glaubt einem auch niemand, der es nicht selbst erlebt hat – wieviel Kraft es kostet, wenn man stundenlang ununterbrochen weint, weint, weint.

Seltsamerweise denke ich heute kaum an die schlimmen Dinge von gestern. Den Schmerz, die Verzweiflung. Es ist wie weggeblasen. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Vielleicht verdränge ich, weil es zu sehr weh getan hat? Aber vielleicht ist es auch positiv, dass sich mein Hirn lieber mit den schönen Erfahrungen beschäftigen will. Keine Ahnung. Ich bin da sehr unsicher, und mitunter sind sich auch „Experten“ nicht einig, was denn nun besser ist: auf das Positive fokussieren, oder das Schlimme durcharbeiten. Vielleicht gibt es da auch kein absolutes Richtig oder Falsch. Wer weiß.

Ist auch egal. Wichtiger ist, wie es weitergeht. Dass es weitergeht.

Den heutigen Psychiater-Termin habe ich ausfallen lassen. So wie ich ihn kenne, wird er trotzdem zur vereinbarten Zeit auf mich gewartet haben. In der Hoffnung, dass ich doch komme, egal, was gestern passiert ist, und egal, was ich sagte. Naja, Pech für ihn. Während er auf mein Erscheinen in seinem Sprechzimmer wartete, lag ich noch tief schlafend im Bett… Ich finde das okay. Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht kommen werde, und der Schlaf war wohl notwendig für Körper und Geist. Ich hätte mir geschadet, hätte ich den Wecker gestellt um pünktlich beim Arzt zu sein.

Gehe ich morgen zu ihm? Keine Ahnung. Vielleicht? Noch eine Nacht schlafen. Eine Nacht die Ereignisse sacken lassen. Eine Nacht drüber schlafen. Ich bin mir sicher, dass er froh wäre, würde ich morgen wieder kommen. Auch wenn der gestörte Teil in mir sagt, dass er froh wäre, würde die Polizei zu ihm kommen und ihm sagen, dass es mich nicht mehr gibt… Aber das ist eben der gestörte Teil, nicht wahr? Der Teil, der alles falsch versteht und überall Gefahr und Gewalt und Hass wittert. Der Teil, der den Unterschied zwischen „damals“ und „heute“, „Täter“ und „Helfer“ noch nicht verstanden hat.

Vielleicht gehe ich morgen wieder zum Herrn Psychiater. Ich habe Angst vor einem Wiedersehen. Aber ich glaube, dass es gar nicht so schlimm würde. Es war auch gestern gar nicht so schlimm, wie ich dachte, als ich zu Krisenintervention-II zurück auf Station ging. Ich hätte keine Angst haben müssen, vor ihm. Die Machtverhältnisse waren eher umgedreht. Es klang wirklich, als ob er (!) mich (!) um Erlaubnis für ein Gespräch fragt. Ich kaufe ihm auch ab, dass er nicht wusste, wie weh mir seine Aussagen während Krisenintervention-I getan haben. Er wusste es wirklich nicht. Er hatte keine Ahnung, was er anrichtet.

„Ich habe das nicht gesagt, um Ihnen weh zu tun… Es ist nur… Ich will Ihnen helfen, okay?“. Ja. Okay. Es tat weh und es tut noch immer weh, aber ja, okay, ich glaube ihm das. Er wirkte ehrlich bestürtzt, als er fragte, ob ich nach der Entlassung aus Krisenintervention-I überhaupt zu Hause gewesen sei und ich antwortete „Nein. War ich nicht. Ich saß unten, auf der weißen Bank. Habe pausenlos geheult. Habe den Zügen gelauscht, die vorbeirauschten. Und bin wieder zurückgekommen.“

Was ihm die Pflege erzählt hat, weiß ich nicht. Vermutlich einfach nur, wie es mir ging, als ich zurückkam auf Station. Heulend, fast unfähig, meinen Schmerz in Worte zu kleiden. Wie lange brauchte der Pfleger, um mich ins Stationszimmer zu bugsieren? Am liebsten wäre ich gleich neben der Eingangstür der Station zusammengesunken. Irgendwie motivierte er mich zum Weitergehen, Schritt für Schritt, in den Schutzraum des Stationszimmers. Ich habe literweise Tränen vergossen. Gelacht, ja, gelacht habe ich, eine unangemessene Reaktion, aber passiert, warum auch immer, ich habe heulend gelacht. Geredet, Worte, Sätze, wirr, geordenet, durcheinander, mit Sinn, ohne Sinn. Vermutlich hat ihm die Pflege das weitergegeben – dass ich völlig neben der Spur war, als ich auf Station kam. Vermutlich hat er sich dann seinen Teil gedacht.

Manches verschwimmt im Nebel von diesem Abend. Dieser Nacht. Vielleicht ist das auch gut so. Man muss nicht alles wissen, nicht alles erinnern. Manchmal ist es besser, zu vergessen.

Was bleibt, ist der Schmerz. Die Erinnerung an die anderthalb Stunden auf der Bank. Die weiße Bank vor der Klinik, auf der ich zwischen Krisenintervention I und II saß und nur geweint habe. Die Kälte. Der Wind, der an den Haaren reißt. Die Regentropfen, die wie Kanonkugeln auf die Haut peitschen. Die Züge auf den naheliegenden Gleisen. Das Licht der Klinik. Das Ausklinken – weg sein, für einen Moment nicht mehr existieren, Filmriss, und dann wieder existieren, im Warmen, im Licht, auf Station, ohne Erinnerung an die Minuten davor.

Ich schreibe wirr und durcheinander, ich merke es selbst. Aber ich schreibe eben so, wie ich denke. Wie ich fühle. Wie ich erinnere. Ich schreibe so, wie ich „gestern“ wahrnehme – wirr und durcheinander. Eindrücke, Gefühle, Gedanken. Es gibt keine Struktur. Nur Spotlights, die mal hier, mal da etwas hervorheben…

 

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so viel zu erzählen, so erschöpft

Ich müsste, könnte, sollte so viel schreiben zu dem heutigen Tag. Über das Wieder-Ansetzen des Antidepressivums. Über den morgendlichen Termin beim Herrn Psychiater. Die Krisenintervention, die so gut anfing und dann doch im Desaster endete. Die zwei Stunden, die ich danach schluchzend vor der Psychiatrie in Wind und Regen kauerte. Über all die Züge, die ich vorbeirauschen hörte und jedes Mal ein bisschen heftiger weinte, weil ich nicht darunter lag. Heulend und zitternd irgendwann wieder im Stationszimmer sitzend (wie ich dorthin gekommen bin? Ich weiß es nicht.) Der liebe liebe Pfleger. Noch ein Gespräch mit dem Herrn Psychiater, der wohl erst da begriff, wie sehr er mir weh getan hatte. Meine Weigerung, über Nacht zu bleiben und auch die klare Absage, ihn morgen Früh zu sprechen ich will ihn nie nie nie wieder sehen, nie wieder. Zweite Entlassung an diesem Tag, kurz vor Mitternacht. Nach Hause schwanken, dunkle Nacht, peitschender Wind, strömender Regen.

Jetzt: Erschöpfung. Nur Erschöpfung. Und deswegen ab ins Bett. Auf Schlaf hoffen. Auf erholsamen Schlaf, den ich gerade so dringend brauche.

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testweise

Erstmal ist der Blog wieder auf öffentlich gestellt. Ob’s so bleibt, weiß ich nicht. Abwarten, schauen. Ich bin sehr dünnhäutig momentan, mir geht es nicht gut, Worte verletzen mich zum Teil sehr, auch Worte, die mir normalerweise nichts ausmachen oder die ich sogar gut finden würde. Deswegen war der Blog ein paar Tage privat – um mich selbst zu schützen. Schließlich kann niemand hellsehen und niemand wirklich wissen, wie manche Worte derzeit bei mir ankommen. Also lieber jegliche Kommentare unterbinden, dann kann mir auch niemand unabsichtlich wehtun… Naja. Jetzt also erstmal wieder öffentlich, mal schauen, ob das gut geht und für mich so in Ordnung ist.

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