eisblau&honigsüß

verdammte Warterei

Die Antwortmail von der Beratungsstelle kam gleich heute Früh. Das ging also recht schnell. Sehr positiv, finde ich. Ebenfalls positiv ist, dass sie selbstverständlich auch Beratungsgespräche für Freunde/Angehörige anbieten. Da war ich mir ja nicht ganz sicher und hatte ein bisschen Sorge, dass ich selbst dort keine Unterstützung bekomme… Also aufatmen – auch ich kann mich dort beraten lassen.

Weniger positiv ist, dass ich erst für nächste Woche einen Termin bekommen habe. Ich hatte gehofft, dass das noch diese Woche klappt. Tja, Pech gehabt. Anderthalb Wochen warten. Das liebe ich ja so sehr :-/

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Seelenschimmel

Wenn die Erinnerungen an das Mobbing während der Schulzeit so präsent sind wie im Moment, fühlt es sich manchmal ganz surreal an, dass es heutzutage tatsächlich Menschen gibt, die freiwillig ihre Zeit mit mir verbringen. Unglaublich und irritierend. So durcheinander-machend, dass ich dissoziiere, weil ich anders nicht damit umgehen könnte. Weil es so Angst macht.

Während der Schulzeit hatte ich keine Freunde. Wenn meine Mitschüler mit mir gesprochen haben, dann ausschließlich um mich zu beleidigen, auszulachen, zu erpressen oder zu bedrohen. Ein nettes Wort? Eine zwanglose Plauderei? Ein ernsthaftes Gespräch über die Probleme, die die Jugend so mit sich bringt? Fehlanzeige.

Ein Schimpfwort zur Begrüßung. Kichern hinter vorgehaltener Hand. Abfällige Blicke. Erpressung mit dem Messer an der Kehle. Ein Schlag in den Magen als Dankeschön und als Andenken ein kreisrundes Brandloch in der Haut.

Wenn ich diese Erinnerungen im Kopf habe, dann bin ich völlig durch den Wind, wenn Freunde an der Uni mit einem erfreuten Lächeln zu mir kommen, sich wie selbstverständlich in der Vorlesung neben mich setzen und einfach drauflos erzählen, reden, lachen (mit mir und nicht über mich). Bitten, ob sie einen Aufschrieb kopieren oder ihre Lösungen für eine Übungsaufgabe mit meinen vergleichen dürfen – ganz freundlich, ohne Messer am Hals. Mit einem „Danke!“ ohne Fäuste und Schmerz und glühende Zigaretten. Und der Versicherung, dass ich mir natürlich auch Aufschriebe von ihnen kopieren kann, wenn mir was fehlt.

Es fällt schwer, das anzunehmen. Die Tatsache, dass heute niemand mehr was gegen mich hat und ich nicht tagein, tagaus die Zielscheibe für Spott und Gewalt bin. Wenn die Erinnerungen so präsent sind, schleichen sich Zweifel und Unglauben ins Bewusstsein. Die führen was im Schilde; die lästern, wenn du nicht dabei bist; bald wirst du sehen, was sie wirklich von dir denken und dann wird alles wieder wie früher. (Und an dieser Stelle muss ich meine Gedanken in Ketten legen um nicht paranoid zu werden.)

Ich weiß nicht, ob ich jemals akzeptieren kann, dass das Mobbing vorbei ist und die Menschen heute nichts mit den Menschen von damals zu tun haben. Vor allem: dass ich nicht gemobbt wurde, weil ich schlecht bin, sondern weil die Täter Arschl***er waren.

Eigentlich sollte ich mich inzwischen daran gewöhnt haben. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die gut mit mir umgingen und die definitiv freiwillig und gerne mit mir zusammen waren. Eigentlich habe ich mehr als genug positive Erfahrungen gemacht. Eigentlich.

So ganz glauben kann ich es dennoch nicht. Vielleicht werde ich es nie können. Das Gefühl, unzulänglich und schlecht zu sein, sitzt eben doch verdammt tief.

Es ist, als ob man Schimmel an der Wand durch bloßes Überstreichen wegbekommen möchte: sieht zwar auf den ersten Blick wieder gut aus, aber der Schimmel ist trotzdem da, im Verborgenen, und irgendwann auch wieder an der Oberfläche. Genauso überdecke ich das Gefühl der Wertlosigkeit mit neuen positiven Erfahrungen: oberflächlich betrachtet ist alles gut und in Ordnung, aber die Wertlosigkeit bleibt unter der Fassade neuer Erfahrungen bestehen. Die neuen Erfahrungen sind schön, aber sie können den Schimmel auf meiner Seele nicht endgültig bekämpfen.

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Haben Sie jemals…?

Nicht geschlafen. Nur geweint, geweint, geweint. So heftige Gefühle, obwohl durch die Drogen alles gedämpft wird. Wie intensiv es wohl ohne Drogen gewesen wäre?

Schmerz. Es tut so weh, wertlos zu sein. Dreck zu sein. Ich ertrage mich nicht. Ich will nicht mehr Ich sein. Ich will gar nicht mehr sein.

Erinnerungen. Getriggert durch eine Frage aus einem Fragebogen, den ich für Dr. H. ausfüllen soll. „Vor Ihrem 15. Lebensjahr… Haben Sie in einem Kampf eine Waffe benutzt, z.B. einen Stock, einen Stein, eine zerbrochene Flasche, ein Messer oder einen Revolver?“ Oh ja.

Zur Uni gehe ich heute nicht. Ich sehe keinen Sinn im Studium. Ich flirte mit dem Lebensende. Wozu soll ich da noch studieren? Zum Sterben braucht man kein abgeschlossenes Studium.

Ich möchte Dr. H. sehen. Bis zum nächsten Termin ist es so endlos lang. Ich könnte ihm eine SMS schreiben und fragen, ob ich heute kurz vorbeikommen kann. Aber wir haben uns diese Woche schon zweimal gesehen. Und Freitag ist eh ein ungünstiger Tag für ihn, wegen Visiten und so. Nein nein, kein Gespräch heute.

Vielleicht tief schneiden. Dann kann ich zu den Chirurgen gehen. Vielleicht habe ich Glück und das diensthabende Exemplar ist gesprächig. Manche von den Chirurgen können gut reden. Besser als manche Psychiater.

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zerstörtes Vertrauen

Gespräch mit Dr. H. gehabt. Endlich angesprochen, dass mich der Zwangsaufenthalt Ende August noch immer beschäftigt. Dass ich mitnichten damit abgeschlossen habe – auch wenn ich das Gespräch mit dem Oberarzt inzwischen absolut ablehne. Aber nein, vergessen kann ich diese Geschichte nicht. Ich kämpfe noch immer mit der Erinnerung, (wieder mal) willkürlichen Gewaltakten ausgeliefert gewesen zu sein. Wehrlos, ohnmächtig gewesen zu sein. Ich habe Alpträume wegen dieser Geschichte. Im Grunde die gleichen Träume, die ich aufgrund des Missbrauchstraumas eh habe – nur tragen die Täter die Gesichter der Ärzte.

Ich habe Dr. H. gesagt, dass es mir derzeit schwer fällt, in die Klinik zu kommen und offen zu reden. Die Angst, wieder vergewaltigt fürsorgerisch zurückgehalten zu werden, sitzt tief. Ich spreche über manche Themen nicht mehr oder nicht ehrlich. Ich kann nicht. Will nicht riskieren, dass sowas noch einmal passiert.

Immer wieder lese ich den Arztbrief zu diesem Zwangsaufenthalt. Auch mit zeitlichem Abstand verstehe ich es nicht. Warum musste ich dableiben? Warum durfte ich nicht nach Hause? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.

Mir fällt es schwer, mit Dr. H. zu sprechen. Zu Themen wie Suizid, Intoxikationen äußere ich mich gar nicht mehr. Bloß nicht riskieren, wieder eingesperrt zu werden. Aber auch bei ungefährlichen Themen fällt mir das Reden schwer. Ich kann nicht offen reden, wenn ich gleichzeitig im Kopf habe, was er mir in meinen Alpträumen angetan hat. Ich schaffe es nicht, die Trauminhalte bei den Träumen zu belassen. Sie drängen viel zu sehr in den normalen Alltag. Ich sitze Dr. H. gegenüber, hatte in der Nacht zuvor einen bösen Alptraum von ihm, und würde am liebsten aufspringen und weglaufen und schreien und kotzen, weil es so widerlich ist.

Er gibt sich Mühe. Das weiß ich, das sehe ich. Er hat mir oft Freiheiten eingeräumt, obwohl ihm andere dringendst davon abgeraten haben. Er tut es trotzdem, weil er mich kennt. Als ich nach der Intox wieder auf Station zurück war und keinen Hehl aus meinen Suizidgedanken gemacht habe – er hat mir trotzdem Ausgang gewährt. Als ich beim letzten Aufenthalt akut suizidal von der Polizei zurückgebracht wurde – am Abend durfte ich trotzdem alleine rausgehen für meinen gewohnten Spaziergang. Und die vielen Male, die er mich mit mulmigem Gefühl entlassen hat, weil ich es so wollte – immer hat er mir geglaubt und vertraut, wenn ich sagte, dass ich zum nächsten Termin kommen werde.

Trotzdem. Was heißt das schon? Der Oberarzt war bisher auch immer okay zu mir. Ich habe ihm vertraut, mich darauf verlassen, dass ich mit ihm offen reden kann. Nie hätte ich gedacht, dass er mich gegen meinen Willen dabehalten wird – mit einer Begründung, die für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar ist. Wenn ich mich so sehr in ihm getäuscht habe – was garantiert mir, dass ich mich in Dr. H. nicht genauso täusche?

Ein guter Oberarzt hat seine Maske abgelegt und seine Täter-Fratze entblößt.

Trägt Dr. H. auch eine Maske? Und wann wird er sie ablegen?

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