eisblau&honigsüß

okay sein

Das gestrige Gespräch mit Dr. H. hat mir sehr, sehr gut getan. Wie schade wäre es gewesen, wenn ich meinen Impulsen nachgegeben und (auch) ihn weit von mir weggestoßen hätte! Und wie schön zu sehen, dass ich auch meine „Leckt mich doch alle am Arsch!“-Impulse allmählich besser unter Kontrolle bekomme.

Das Gespräch hat natürlich keines meiner aktuellen Probleme gelöst. Wie auch? Die Probleme lassen sich nicht mit ein paar Worten aus der Welt zaubern.

Aber ich bin nach dem Gespräch mit dem Gefühl gegangen, okay zu sein. Meine Gedanken sind okay. Meine Gefühle sind okay. Meine Reaktionen sind okay. Mein Verhalten ist okay.

Ich bin kein assoziales, egoistisches Miststück.

Ich bin okay.

Und was ich gestern auch deutlich sehen konnte: Wie recht Dr. H. damit hatte, als er vor ein paar Wochen meinte, dass ich mich zum Positives geändert hätte. Dass ich offener geworden sei. Als er das sagte, habe ich das unkommentiert so stehen lassen, weil ich seinen Eindruck gar nicht teilte. Aber er hat das schon irgendwie richtig wahrgenommen. Hätte ich ihn damals so tief in mein Seelenleben blicken lassen wie gestern? So ganz selbstverständlich? Sicherlich nicht.

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Arbeiten und Selbstwert

Manche sagen, ich fliehe in die Arbeit. Weil ich oft bis spätabends im Labor bin oder wochenends dorthin gehe.

Na und? Die Arbeit gibt mir Halt. Sie ist zentraler Bestandteil meines Lebens und meines Alltags. Ich fühle mich erwachsen und kompetent, wenn ich im Labor bin. Vor allem spätabends und wochenends, wenn niemand sonst da ist. Es gibt mir ein gutes Gefühl, den Generalschlüssel ins Schloss zu stecken und meine Arbeit zu machen. Ich kann das. Ich weiß, wie alles funktioniert. Ich bin gut genug, um alleine im Labor arbeiten zu dürfen.

Sollen andere ruhig sagen, dass Flucht in die Arbeit keine Lösung ist. Was wissen sie schon…?! Mir tut es gut. Es ist kein Stress für mich, keine Belastung. Es gibt mir Kraft und ein gutes Gefühl.

Ich bin erwachsen. Ich bin kompetent. Ich weiß, was ich tue. Meine Chefin vertraut mir. Generalschlüssel – so viele haben den nicht. Ich kann alle Räume betreten, alle Arbeiten erledigen. Ich. Kann. Das. Und es fühlt sich so verdammt gut an.

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Ressourcen vs. Zensur

„Erzählen Sie, was in der letzte Woche gut gewesen ist!“ So oder so ähnlich beginnt die Therapeutin nahezu jede Sitzung.

Jedes Mal sitze ich da und denke: „Nein nein nein!“ Wenn ich erzähle, was gut gewesen ist, gebe ich zu viel von mir preis. Für „etwas mögen“ gibt es ja nicht umsonst ein treffendes Synonym: „Eine Schwäche für etwas haben.“ Genau so empfinde ich es: Eine Schwäche haben. Etwas mögen. Verletzlich sein.

Und da sitzt mir die immer noch nicht vertraute Therapeutin gegenüber und erwartet ernsthaft, dass ich meine Schwächen vor ihr ausbreite?! Nein. Nein. Und nochmals: Nein!!!

Sie betont, dass sie „ressourcen-orientiert“ mit mir arbeiten will. Was erstmal ganz toll klingt. Die Stärken eines Patienten erkennen, Hilfreiches fördern. Nicht die Probleme in den Vordergrund rücken, sondern das, was man kann. Die Fähigkeiten, die Stärken.

Anfangs fand ich das ganz gut. Inzwischen hasse ich dieses Konzept. Im Grunde soll ich zur Therapie gehen und erzählen, wie toll alles läuft und was alles super geklappt hat. Die Probleme und Schwierigkeiten soll ich einfach außer Acht lassen…

Angeblich fördert das eine positive Sicht auf sich selbst und das Leben und die Welt. Weil man den Problemen ohnehin schon (zu) viel Beachtung schenkt…

Ich verstehe das Konzept nicht. Ich schenke auch dem Positiven Aufmerksamkeit. Ich schreibe jeden Abend ein Positiv-Tagebuch. Notiere, was gut gewesen ist, was Spaß gemacht hat und was ich geschafft habe. Die Thera weiß davon – sie findet das toll. Trotzdem sagt sie, dass ich dem Positiven keinen Raum gebe?! Aha, okay. Ich genieße schöne Momente, ich reflektiere den Tag jeden Abend auf Gute Augenblicke… Aber ich gebe dem Positiven keinen Raum? Okayyyy.

Sie will, dass ich über gute Erlebnisse und Erfolge spreche. Die Probleme sollen bestenfalls beiläufig behandelt werden. Also ist es eigentlich nicht anders, als wenn ich mit meinen Eltern spreche – „Sag uns, wie es dir geht – aber sag bitte bitte, dass es dir gut geht und alles okay ist.“ Für die Probleme ist eigentlich gar kein Platz. Ich soll nur sagen, dass alles toll und super ist.

Mache ich das nicht im Alltag sowieso schon? Fassadenleben. Alles ist okay, mir geht es gut, ich liebe mein Leben blabla. Die Schattenseiten verberge ich. Im realen Leben – und in der Therapie. Die Schattenseiten müssen totgeschwiegen werden. Sie haben einfach nicht dazusein. Punkt. Fertig. Entweder, es geht mir gut – oder ich soll verdammt nochmal so tun, als ob es mir gut ginge.

Bisher habe ich die Therapie immer als etwas empfunden, wo ich ehrlich und offen sein durfte. Wenn ich schon die ganze Zeit meine Fassade aufrechterhalte – aber immerhin in der Therapie darf ich die Maske ablegen und weinen und meinen Ängsten und meinem Leid Raum geben. Diese eine Stunde in der Woche darf ich ich sein – ungeschönt und unzensiert.

So war das mit Dr. H., aber mit der neuen Thera ist es eben nicht mehr so. Ich soll nur noch das Gute und Tolle und Positive erwähnen. Ich soll also diese eine Stunde in der Woche auch damit verbringen, Theater zu spielen. „Alles ist toll, mir geht’s gut.“ Egal, ob das stimmt oder nicht. Aber für die Wahrheit ist eben kein Platz vorgesehen. Die Probleme sollen draußen bleiben. Der verzweifelte Teil von mir, der kämpfende Teil, der lebensmüde Teil – die haben in der Therapie einfach nichts zu suchen.

Und diese Teile rebellieren. Verständlicherweise. Einem Großteil meines Ichs wird einfach verboten, sich zu äußern. Sich zu zeigen. Im Grunde: überhaupt dazusein. Klar, dass das in mir auf wenig Verständnis stößt. Auch wenn ich diesen ressourcen-orientierten Ansatz verstehe – aber im Grunde wird damit wieder einmal nur alles zensiert, was an mir unbequem ist.

Und das in der Therapie.

Ich bin wirklich kurz davor, der Thera eine Mail zu schreiben, dass ich nicht mehr kommen werde. Oder einfach ohne Mail nicht mehr hinzugehen. Klar, ich könnte es ansprechen. Aber was sollte das bringen? Wenn jemand so selbstverständlich alles Schwierige und Problematische „verbietet“ – was soll dann ein Gespräch noch bringen?!

Ich bin eben nicht okay, wie ich bin.

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Geschützt: Selbstwert

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Seelenschimmel

Wenn die Erinnerungen an das Mobbing während der Schulzeit so präsent sind wie im Moment, fühlt es sich manchmal ganz surreal an, dass es heutzutage tatsächlich Menschen gibt, die freiwillig ihre Zeit mit mir verbringen. Unglaublich und irritierend. So durcheinander-machend, dass ich dissoziiere, weil ich anders nicht damit umgehen könnte. Weil es so Angst macht.

Während der Schulzeit hatte ich keine Freunde. Wenn meine Mitschüler mit mir gesprochen haben, dann ausschließlich um mich zu beleidigen, auszulachen, zu erpressen oder zu bedrohen. Ein nettes Wort? Eine zwanglose Plauderei? Ein ernsthaftes Gespräch über die Probleme, die die Jugend so mit sich bringt? Fehlanzeige.

Ein Schimpfwort zur Begrüßung. Kichern hinter vorgehaltener Hand. Abfällige Blicke. Erpressung mit dem Messer an der Kehle. Ein Schlag in den Magen als Dankeschön und als Andenken ein kreisrundes Brandloch in der Haut.

Wenn ich diese Erinnerungen im Kopf habe, dann bin ich völlig durch den Wind, wenn Freunde an der Uni mit einem erfreuten Lächeln zu mir kommen, sich wie selbstverständlich in der Vorlesung neben mich setzen und einfach drauflos erzählen, reden, lachen (mit mir und nicht über mich). Bitten, ob sie einen Aufschrieb kopieren oder ihre Lösungen für eine Übungsaufgabe mit meinen vergleichen dürfen – ganz freundlich, ohne Messer am Hals. Mit einem „Danke!“ ohne Fäuste und Schmerz und glühende Zigaretten. Und der Versicherung, dass ich mir natürlich auch Aufschriebe von ihnen kopieren kann, wenn mir was fehlt.

Es fällt schwer, das anzunehmen. Die Tatsache, dass heute niemand mehr was gegen mich hat und ich nicht tagein, tagaus die Zielscheibe für Spott und Gewalt bin. Wenn die Erinnerungen so präsent sind, schleichen sich Zweifel und Unglauben ins Bewusstsein. Die führen was im Schilde; die lästern, wenn du nicht dabei bist; bald wirst du sehen, was sie wirklich von dir denken und dann wird alles wieder wie früher. (Und an dieser Stelle muss ich meine Gedanken in Ketten legen um nicht paranoid zu werden.)

Ich weiß nicht, ob ich jemals akzeptieren kann, dass das Mobbing vorbei ist und die Menschen heute nichts mit den Menschen von damals zu tun haben. Vor allem: dass ich nicht gemobbt wurde, weil ich schlecht bin, sondern weil die Täter Arschl***er waren.

Eigentlich sollte ich mich inzwischen daran gewöhnt haben. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die gut mit mir umgingen und die definitiv freiwillig und gerne mit mir zusammen waren. Eigentlich habe ich mehr als genug positive Erfahrungen gemacht. Eigentlich.

So ganz glauben kann ich es dennoch nicht. Vielleicht werde ich es nie können. Das Gefühl, unzulänglich und schlecht zu sein, sitzt eben doch verdammt tief.

Es ist, als ob man Schimmel an der Wand durch bloßes Überstreichen wegbekommen möchte: sieht zwar auf den ersten Blick wieder gut aus, aber der Schimmel ist trotzdem da, im Verborgenen, und irgendwann auch wieder an der Oberfläche. Genauso überdecke ich das Gefühl der Wertlosigkeit mit neuen positiven Erfahrungen: oberflächlich betrachtet ist alles gut und in Ordnung, aber die Wertlosigkeit bleibt unter der Fassade neuer Erfahrungen bestehen. Die neuen Erfahrungen sind schön, aber sie können den Schimmel auf meiner Seele nicht endgültig bekämpfen.

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