eisblau&honigsüß

das Leben…

Manchmal kann ich das Leben in meiner Vorstellung als Person sehen. Einen kleinen, hageren Mann jüngeren Alters. Mit schulterlangen Haaren, einem goldenen Ohrring und einem spöttischen Lächeln auf den Lippen.

Manchmal kann ich sehen, wie das Leben die Augen verdreht, die Hand an die Stirn klatscht und genervt-amüsiert den Kopf schüttelt über meine Zögerlichkeit. „Meine Fresse…“, sagt es, wedelt einmal mit der Hand durch die Luft und macht einfach. „So. Siehste? So geht das. Einfach machen…!“

Da zermartere ich mir stunden- und tagelang den Kopf, mit wem ich über J. reden könnte. Bei wem ich Unterstützung finde. Ob, was und wieviel ich Dr. H. erzählen kann. Und während ich noch Möglichkeiten und Für und Wider abwäge, passiert das Leben einfach und alles regelt sich von selbst.

Nach J.s Zusammenbruch konnte sich Dr. H. endgültig zusammenreimen, wer die ominöse Mitpatientin-Freundin ist, um die es geht. Und nach ein wenig anfänglichem Herumeiern im gestrigen Gespräch, wurde das dann auch einfach mal klar ausgesprochen. „Stimmt doch, oder? Es geht um J.?“ – „Ja. Genau um die geht es.“

Momentan weiß ich nicht, ob ich es gut oder schlecht finde, dass es jetzt raus ist.

Einerseits tat es gestern unglaublich gut, offen reden zu können und nicht bei jedem Satz, jedem Wort überlegen zu müssen, ob ich damit zu viel verrate. Es macht es auch deutlich leichter, über die Dinge zu sprechen, die mich persönlich an dieser Geschichte besonders belasten. Und auch, was ich mir an Unterstützung wünschen würde.

Andererseits fühlt es sich auch extrem nach Kontrollverlust an. Je mehr er weiß, desto mehr kann auch ungewollt den falschen Leuten zu Ohren kommen. Genaugenommen wird auch genau das passieren, denn bei der Besprechung, was ich als Hilfe gerade brauche, wurde ziemlich schnell klar, dass auch andere Ärzte (ein Stück weit) informiert werden müssen. Und damit habe ich dann endgültig die Kontrolle verloren. Ist es das wert? Unterstützung zum Preis von Kontrollverlust? Ich weiß nicht.

So oder so: ändern kann ich’s eh nicht. Es ist jetzt eben so. Ob’s mir gefällt oder nicht, ob’s gut ist oder nicht. Es ist, wie es ist.

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Hast du schon mal…

Eine Frage in meinem Kopf. Woher sie kommt? Weiß der Himmel. Wurde mir diese Frage wirklich schon mal gestellt? Fragt sich das mein Gehirn nur selbst? Was weiß ich.

Hast du schon mal für Geld mit einem Mann geschlafen?

Nein.

Aber für ein Stück Schokolade.

Für einen Apfel.

Für eine Nacht im Bett statt auf dem Boden.

Für ein Kissen.

Für eine Decke.

Für heute-keine-Schläge-mehr.

Für – Kleinigkeiten. Selbstverständlichkeiten. Normalitätssachen.

Die Flashbacks prügeln auf mich ein wie große, harte, eisigkalte Hagelkörner. Schlaf habe ich in der vergangenen Nacht nur wenig gefunden, und auch in meinen Träumen suchte mich die Vergangenheit heim.

Ich bin erschöpft. Erschöpft. So verdammt erschöpft.

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määääh -.-

Alle Aufregung umsonst. Kein Termin heute. Beraterin ist krank und hat abgesagt. Määääh. Doof.

Wenn deswegen schon mir ein bisschen der Boden unter den Füßen verloren geht – wie wird es dann erst J. mit dieser kurzfristigen Absage gehen?

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noch zwei Stunden

Okay. Jetzt sind es noch etwa zwei Stunden bis zum Beratungstermin. Wie geht’s mir gerade? Kritisch. Eine treffendere Bezeichnung fällt mir nicht ein.

Geschlafen habe ich letzte Nacht fast gar nicht. J. vermutlich auch nicht. Gestern ging viel Zeit dafür drauf, sie zu beruhigen. Sie ist sehr nervös und sehr angespannt wegen des Termins. Verstehe ich gut. Würde mir auch so gehen. Ach, fuck, mir geht es auch so! Nur nicht ganz aus den Gründen, die bei ihr eine Rolle spielen.

Anyway. Der Termin steht fest und da gehen wir nachher auch hin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich während des Termins „funktionieren“ kann. Die starke, zuversichtliche, selbstsichere Freundin. Mein Innenchaos wird so lange ganz ganz weit weggepackt.

Angst habe ich vor dem nach-dem-Termin. Was passiert, wenn ich J. wieder zurück in die Klinik begleitet habe und nicht mehr stark sein, nicht mehr funktionieren muss?

Nun, hellsehen kann ich nicht. Ich werde also abwarten müssen und gucken, wie es mir danach geht. Geplant habe ich, dass ich auf keinen Fall direkt nach Hause gehe. Erstmal einen gaaanz langen Spaziergang machen. Das tut immer gut.

Notfalls in die Klinik. Dr. H. ist da. Er weiß, dass heute dieser Termin ansteht. Er weiß, dass es mir danach vielleicht nicht ganz so gut gehen wird. Er wäre nicht allzu überrascht, wenn ich heute in die Klinik käme – und viel erklären und erzählen müsste ich ihm auch nicht mehr. Er weiß ja Bescheid.

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to-do-Listen

Ich bin ein großer Fan von To-Do-Listen. Sie helfen mir sehr, den Überblick über die Dinge zu behalten, die getan werden müssen oder sollten. Ich mag es, das Lebenschaos in einzelne Punkte zu zerlegen und fein säuberlich geordnet in eine Liste zu packen.

Es scheint dann nicht mehr ganz so überfordernd zu sein. Nicht mehr alles auf einmal in meinem Kopf, und vor allem nicht als riesige Aufgaben. Eine große Aufgabe wird in kleinere Teilaufgaben zerlegt, und die Teilaufgaben wiederum in überschaubare Kleinaufgaben. Die große Aufgabe ist zu viel, aber die Kleinaufgaben kann ich schaffen, und wenn ich sie Stück für Stück erledige, kann ich irgendwann dann auch ein Häkchen hinter die große Aufgabe setzen.

An Tagen, an denen ich mich zu nichts so wirklich aufraffen kann, suche ich mir gerne irgendetwas ganz Einfaches aus der Liste. „Hey, das ist nicht sooo viel Arbeit, das bekommst du hin!“ Und am Ende des Tages kann ich meistens noch einige Punkte mehr als „erledigt“ abhaken. „Siehste, du hast heute doch Einiges geschafft!“ Ein gutes Gefühl.

Irgendjemand fragte mich mal, ob es mich nicht überfordern würde, wenn meine To-Do-Liste so ewiglang sei. Denn meine Listen umfassen meistens wirklich mehrere Seiten (aktuell: etwas über sechs Seiten). Aber das kommt einfach nur daher, dass ich ja jede Aufgabe in so viele Unteraufgaben zerlege, wie nur irgendwie möglich. Dadurch erreichen die Listen manchmal epische Längen – aber jede Zeile enthält eine Aufgabe, die klein und überschaubar und machbar ist. Und ich kann so auch viel mehr als erledigt durchstreichen – mir selbst das Gefühl schaffen, ganz arg fleißig gewesen zu sein. Das motiviert und hilft gegen Ich-bin-faul-und-kann-nichts-und-sowieso-bin-ich-doof.

Während eines Therapiegesprächs kam mal die Frage auf, ob ich irgendwie zwanghaft sei. Listen, Tagespläne etc., das machen manche Zwangskranken ja auch sehr gerne. Ich musste lachen, denn mit Zwang hat das für mich nicht viel zu tun. Ich mag nur gerne Ordnung und einen Überblick.

Ob es mich stresst, wenn ich einen Tagesplan nicht exakt einhalten kann? Nö. Die meisten Tagespläne sind nur eine grobe Idee davon, wie der Tag verlaufen könnte, nicht minutiös geplant. Meistens läuft’s dann auch anders – Leben eben.

Ob ich Panik bekomme, wenn ich merke, dass ich „zu wenige“ Punkte der To-Do-Liste abhaken kann? Nö. Es ist für mich eher ein Spiel. Wieviel schaffe ich heute? Mehr als erwartet – hey, super! Weniger als erwartet – egal!

Ob ich die Liste von oben nach unten abarbeite und von dieser Reihenfolge nicht abweiche? Nö. Ich erledige mal eine Aufgabe hier, mal eine dort. Je nachdem, was mir gerade machbar erscheint oder worauf ich Lust habe.

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