eisblau&honigsüß

Ruhe in Frieden, Omi

Ruhe in Frieden, meine liebe liebe Omi.

Danke für die vielen kostbaren, wundervollen Erlebnisse, die du mir in meiner Kindheit geschenkt hast. Danke für die Zuneigung und die Fürsorge, danke für die Spiele und das Lachen, danke für die unvergesslichen Tage am Meer. Danke für alles, das du mir beigebracht und mit auf den Weg gegeben hast.

Du bist ein so wichtiger und prägender Mensch für mich gewesen. Danke, dass es dich gegeben hat und du da gewesen bist.

Bitte verzeih mir, dass ich gestern Abend, nach der Todesnachricht, arbeiten gegangen bin. Wo immer du auch bist, ich glaube, du hast die Tränen gesehen, die ich währenddessen still vergossen habe.

Und bitte verzeih mir, dass ich nicht zu deiner Beerdigung kommen werde. Du kennst die Gründe und du weißt, dass ich dir trotzdem die letzte Ehre erweise, auch wenn ich nicht an deinem Grab stehen werde.

Ich habe dich geliebt und ich liebe dich noch immer.

Ruhe in Frieden.

*eine Kerze anzünde*

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das Wochenende in zwei Worten

Mein Wochenende lässt sich gut und vollständig mit zwei Worten zusammenfassen: geschlafen, geweint.

Der nie so ganz verarbeitete Tod meines Bruders tut dieses Jahr besonders weh. Ich weiß nicht, warum. Ich manchen Jahren sind es nur flüchtige Gedanken an ihn. In anderen Jahren wirft mich die Trauer nieder, als ob er erst gestern gestorben wäre. Es tut so weh.

Mit E., einer sehr guten Freundin, habe ich mich heftig gestritten. Momentan herrscht Funkstille. Auch das tut weh. Der Streit kam so plötzlich, kein lange schwelender Konflikt. Ich denke, dass wir uns irgendwann aussprechen werden und dann wieder alles okay ist. Mehr oder weniger okay – sie ist nachtragend. Wie mit anderen blöden Situationen, so wird sie mir auch das immer wieder unter die Nase halten und darauf hinweisen, wie scheiße das für sie war. (Und ignorieren, dass ich rein gar nichts dafür konnte, es nicht meine Schuld ist, und sie erheblich dazu beigetragen hat, dass eine vorher nur blöde Situation schließlich eskalierte.)

Mittwoch habe ich nochmal einen Termin in meinem zukünftigen Labor. Die Doktorandin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, möchte mich auch mal kennenlernen bevor es losgeht. Sympathie-Check. Ich hasse sowas. Ich sei ein sympathischer Mensch, wird mir immer wieder bestätigt. Dummerweise muss ich erstmal auftauen, bevor das zum Vorschein kommt. Gegenüber Fremden bin ich sehr distanziert und wirke oftmals kalt und abweisend. Aber sofern sie nicht denkt, dass sie mit mir absolut gar nicht arbeiten kann, ist es okay.

Die Klinikleute – Dr. H., der Herr Psychiater, die Pflege – freuen sich alle sehr, dass ich endlich eine Stelle gefunden habe und bald die Masterarbeit machen kann. Sie glauben, dass mir das gut tun wird. Alltagsstruktur, sinnvolle Beschäftigung, eine Arbeit, die mir Spaß macht. Ich glaube das auch. Die erste Zeit wird vermutlich sehr schwierig werden, weil erstmal noch einiges nerviges Zeugs geregelt werden muss, fremde Umgebung, fremde Menschen, Einarbeiten, von langer Zeit Nichtstun wieder auf reguläre Arbeitstage umstellen etc. etc. Aber ich denke, ich werde von Seiten der Klinik maximale Unterstützung bekommen und dann wird das auch klappen, irgendwie.

Suizidgedanken sind nach wie vor sehr präsent, aber gut kontrollierbar. Nur ab und zu werden sie übermächtig. Aber dann nehme ich Bedarf oder geh in die Klinik. Schwieriger ist der Selbstverletzungsdruck. Der ist nur schwer zu ertragen und mit Skills komme ich momentan auch nicht weit. Vermutlich, weil ich gar nicht skillen will – ich will mich verletzen. Warum ich es dann nicht einfach tue? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich es nicht zu 100% will. Ich will mich verletzen und will es gleichzeitig auch doch nicht. Ich hänge irgendwo dazwischen, kann mich nicht zum Verletzen durchringen, aber skille auch nur halbherzig.

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Zu viele Gedanken, zu viele Gefühle. Zu viel, als dass ich über irgendetwas davon schreiben könnte. Ich weiß nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören sollte. Wie Reiskörner im Trichter – die Körner verkanten und nichts, nichts, nichts fließt durch den Trichter.

Dr. H. hat sich gestern sehr viel Zeit für mich genommen. Dadurch konnte ich wenigstens ein bisschen was herauslassen. Ich habe wenig geredet, dafür viel geweint. Sehr viel geweint. Irgendwie hat es gut getan. Dass er da gewesen ist. Bei mir saß, während ich weinte. Nicht allein zu sein mit der Trauer und dem Schmerz.

Nach der Therapie hat er mich auf die Geschlossene gebracht. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, den Heimweg zu bewältigen. Es war okay, nein, es war gut. Zwei Stunden auf Station, beruhigen, mich wieder fassen, die Welt fassen. Dann nach Hause.

Er hat EMDR vorgeschlagen. Ich weiß nicht, ob ich das machen will. Als ich 17 war, hatte ich EMDR angefangen. Es war ein Desaster. Rückblickend kann ich mehrere Faktoren benennen, warum es damals so schief gelaufen ist. Aber ob es jetzt besser klappen würde? Keine Ahnung. Muss ich noch in Ruhe mit ihm besprechen.

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schwierige Zeiten, Jahrestage

Es ist diese Zeit des Jahres, die für mich immer besonders schwierig ist. Der Spätsommer und frühe Herbst. Zu viele Tage sind in dieser Zeit mit traurigen, schlimmen Ereignissen verknüpft.

In manchen Jahren ist es leichter auszuhalten, in anderen fühle ich mich ins Damals zurückversetzt, erlebe diese Zeit wieder und wieder, mit all den Gedanken und Gefühlen, die ich damals als Kind hatte.

Sein Geburtstag. Die Notärzte, die unser Haus frequentierten. Die Reanimationen. Der Tag, an dem er nicht mehr aufstehen konnte und Vater ihn deswegen schlug. Das Weglaufen von zu Hause. Mein Geburtstag, als er doch noch einmal aufstand, mir zu liebe, als die Eltern nicht da waren. Der letzte Abend, das grüne Kuschelkissen. Der letzte Notarzt-Besuch. Der letzte erfolglose Reanimationsversuch. Sein Todestag. Die Tage danach. Die Beerdigung. Die Zeit nach der Beerdigung. Die Demütigungen in der neuen Schule. Die erste bewusste Selbstverletzung. Die erste Tablettenüberdosis.

So viel ist damals in diesen Wochen, Monaten passiert. So vieles, das ich als Kind nicht allein bewältigen konnte. Hilfe für mich gab es nicht. Nur für die Eltern, immer nur für die Eltern. Warum glauben so viele, dass der Tod eines Kindes für die Eltern eine Katastrophe ist, aber die Geschwister damit ganz locker klarkommen? Vielleicht dachten sie, ich sei noch zu jung, um begreifen zu können, was passiert ist.

Ich habe vieles verdrängt in dieser Zeit. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Alleine war ich überfordert mit dem Sterben und dem Tod meines Bruders. Zum Reden gab es niemanden. Es war einfacher, alles ganz tief in meinem Kopf wegzusperren.

Jahre später, in der Jugendpsychiatrie, sprach ich das erste Mal darüber. Weinte viel. Trauerte. Wirklich verarbeitet habe ich es aber auch damals nicht. Es ist immer noch eine nicht richtig verheilte Wunde, die von Zeit zu Zeit aufreißt und blutet und schmerzt.

Ich weine noch immer um ihn. Sein Tod schmerzt. Ich vermisse ihn.

Manchmal verschwimmt die Zeit, manchmal bin ich wieder das kleine Mädchen, nur dass ich jetzt weiß, wie die Geschichte weitergehen wird. Statt der bangen Fragen, ob er gesund wird, ob er weiterleben wird, oder – später – wie lange er noch leben wird, ist es jetzt ein Film, den ich schon hundert Mal gesehen habe. Und bei dem ich trotzdem mitfiebere und mitleide. „Morgen wird Papa dich schlagen, weil dir die Kraft fehlt, zum Mittagessen aufzustehen.“, „Donnerstag wirst du reanimiert.“, „Freitag wirst du mir die Wunden auf deiner Brust zeigen, die von der Reanimation geblieben sind.“

Ich fühle mich zerrissen, mein Ich ist zerrissen. Ich weiß nicht, wer ich bin, wo ich bin, wie alt ich bin. Ich bin erwachsen, ich bin 11 Jahre alt, ich habe eine Wohnung in Unistadt, ich sitze in meinem kleinen Dachzimmer im Elternhaus, ich freue mich über den Masterarbeitsplatz, ich komme in der neuen Schule nicht zurecht, ich treffe meine Freunde, ich muss zur Beerdigung, alles ist gut, die Trauer frisst mich auf.

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wieder einer

Wieder einer weniger von uns. Wieder einer weg von den „Stammgästen“, von den chronisch Erkrankten, den Dauerpatienten, den Immer-wieder-in-der-Psychiatrie-Weilenden.

Er war einer der ersten Mitpatienten, die ich hier in der Klinik kennenlernte. Er war stationär als ich das erste Mal auf die Geschlossene gebracht wurde. Er war stationär als ich das letzte Mal dort gewesen bin. Ich weiß nicht, wie oft wir zeitgleich stationär waren. Oft jedenfalls.

Jetzt ist er tot.

Wieder ein Suizid. Wieder ein Mitpatient, der es nicht mehr ertragen hat. Das Leben, das Kranksein.

Ich hoffe, er hat jetzt Frieden gefunden.

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