eisblau&honigsüß

Rosenangst

- 13. Januar 2018

So lange sie denken konnte, hatte die junge Frau panische Angst vor Rosen. Ihr Anblick, ihr Duft versetzte sie in Angst und Schrecken.

„Vor Rosen?“, wurde sie oft ungläubig gefragt. „Warum denn vor Rosen? Diese wundervollen Blumen – wie kann man davor denn Angst haben?“ Die Menschen um sie herum verstanden es nicht, und wenn sie ehrlich war, verstand sie selbst es auch nicht. Rosen. Was war daran denn so schlimm, dass bei ihrem Anblick das Herz schlug wie wild und die Luft wegblieb?

Sie kannte alte Photographien aus dem Familienalbum. Sie, ein junges Mädchen, kaum den Windeln entwachsen, glückselig lächelnd mit Rosen in der Hand. Da hat sie wohl noch keine Angst vor diesen Blumen gehabt. Aber mehr als diese Photographien gab es nicht, keine Erinnerungen an Zeiten, in denen die Rosen ihr nicht den Schweiß auf die Stirn trieben.

Sie litt sehr unter ihrer Angst. Rosen – sie waren so allgegenwärtig in jener Zeit. In jedem Park wuchsen sie, jeder Blumenhändler bot sie an. Ein Spaziergang durchs Grüne, ein Bummel über den Markt – unvorstellbares Grauen war das für sie.

Einmal, das war nun schon Jahre her, wollte eine Freundin ihr eine Freude machen und sandte ihr einen Strauß Rosen. Zitternd und weinend schlug sie dem Boten die Tür vor der Nase zu, kroch in ihr Bett, zog die Decke über ihren Kopf und brauchte Stunden, ehe sie sich beruhigen konnte.

Oder ein anderes Mal, als sie sich einen hochgelobten Film im Kino ansehen wollte. Mitten in der Geschichte brachte der Filmheld seiner Liebsten einen üppigen Strauß Rosen. Sie sprang aus ihrem Sitz, rannte hinaus, rannte in die Nacht, rannte und weinte, rannte und weinte, eine Ewigkeit, in der dunklen Nacht.

Ärzte suchte sie auf, und auch so manchen Psychologen. Niemand konnte ihr helfen. Die Ärzte gaben ihr Tabletten, die nicht halfen, und die Psychologen suchten erfolglos nach Ursachen ihrer Angst. Manche versuchten ihr die Angst zu nehmen, indem sie sie mit ihrem Schrecken konfrontierten – Rosen sehen, Rosen riechen, Rosen berühren – es war grauenhaft, und es half ihr nicht. Die Angst blieb.

Rosen. Ihre Gegenwart in einem Garten, ihr Duft in einem Parfüm, ihr Anblick auf einem Gemälde, ja, ihre bloße Erwähnung in einem Buch oder Gespräch. Ihr Herz schien stehen zu bleiben in diesen Momenten.

Eines Morgens – sie dachte an nichts Bestimmtes, stand vor ihrem Spiegel und kämmte ihr Haar – da machte es „Plopp!“ in ihrem Kopf. Wie eine Seifenschaumblase, die zerplatzt. Und sie erinnerte sich. Erinnerte sich an diese Dinge, die so lange her waren, dass sie sie vergessen glaubte.

Die Rosen.

Die Angst.

Gleich einem Erdbeben bewegten sich sich die Dinge. Ihre Erinnerungen. Ihre Gedanken.

Wie von unsichtbarem Wind getragen fügten sich die Puzzleteile zu einem Bild.

Eine unsichtbare Hand knüpfte lose hängende Fäden zusammen.

Und sie sah.

Und verstand.

Und sank zu Boden.

Weinte. Weinte und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen, jetzt, da sie sah und verstand… und verstand… verstand…

(Geschrieben an einem Morgen, an dem eine Erinnerungsblase platzte und ich begriff – wirklich begriff – warum mir etwas so fürchterlich Angst macht… und warum niemand je helfen konnte.)

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