eisblau&honigsüß

21 Jahre

- 4. September 2017

21 Jahre kein Wort. Kein Gespräch. Kein Versuch, darüber zu sprechen.

Und dann fängt sie an darüber zu sprechen. Erzählt von den ersten Wochen, in denen man noch glaubte, alles sei okay. Erzählt von der Angst, die langsam aber sicher Mitglied unserer Familie wurde. Erzählt von Erlangen, erzählt von München.

Nur über das Ende, darüber spricht sie nicht.

Und natürlich auch nicht über mich.

Sie erzählt nur von ihm, von Papa, von sich.

Ein Teil von mir will aufstehen und schreien. Will ihr all den Schmerz ins Gesicht schreien, den sein Tod in meinem Herzen hinterlassen hat. Will ihr die Einsamkeit ins Gesicht brüllen, all die Stunden, die ich mir selbst überlassen bliebt oder missbraucht wurde von denen, die auf mich aufpassen sollten. Will sie fragen, wo verdammt nochmal ich gewesen bin in dieser schlimmen Zeit. War da überhaupt ein Platz für mich? Hat sie je daran gedacht, wie es mir damit ging, meinen Bruder sterben zu sehen? Wie ich mich fühlte, wenn es statt Ausflügen in den Zoo oder ins Freibad nur Besuche in Krankenhäuser gab? Stundenlange Autofahrten in der glühenden Sommerhitze, Krankenhäuser mit ihrem klinisch-sterilen Geruch. In München durfte ich meinen Bruder wenigstens auch sehen. In Erlangen nicht Kinder unter zwölf sind eine zu große Keimquelle.

Stunden allein zu Hause. Stunden bei Tätern. Stunden auf der Autobahn. Stunden in Krankenhäusern.

Das war mein Sommer 1996.

Ich will es ihr ins Gesicht schreien, ich will weinen und um mich schlagen.

Aber ich tue es nicht.

Ein Teil in mir – klein, aber mächtig – hindert mich daran. Zwingt mich, ruhig sitzen zu bleiben und sie zum Erzählen zu ermutigen.

Wie ein trockener Schwamm sauge ich alles auf. Jedes Wort, jede Silbe, jeden Buchstaben. Ich will mehr wissen über damals. Und niemand kann mir etwas darüber erzählen außer meinen Eltern. Also höre ich zu. Egal, wie sehr es schmerzt.


Später.

Stunden später bereue ich es ein bisschen. Als ich mich in der geschlossenen Psychiatrie wiederfinde, weinend und zitternd dem Arzt gegenübersitzend. Was in der Zeit dazwischen passiert ist, zwischen dem Gespräch mit Mama und der Psychiatrie? Keine Ahnung.

Ich weiß auch nicht, wie der Arzt aus den wirren Gesprächsbrocken irgendetwas verstanden haben könnte. Irgendwie hat er es aber wohl geschafft. Er rät mir dringend, den Kontakt zu meiner Mama erstmal zu minimieren – „Das ist eine unkontrollierte Trauma-Exposition, die Sie da gerade machen!“

Recht hat er. Streite ich gar nicht ab. Aber – den Kontakt reduzieren?! Jetzt?! Vielleicht ist das jetzt die einzige Chance, jemals mehr darüber zu erfahren, was damals passiert ist… Und ich muss es wissen. Das kann er nicht verstehen. Aber ich muss es einfach wissen. Was passiert ist. Damals. Aus ihrer Sicht. Nicht nur aus meiner angstvernebelten Kindersicht.

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3 responses to “21 Jahre

  1. zimtsternengel sagt:

    Ich finde du hast Recht. Du musst es für dich wissen. Danke, dass du das mit uns teilst.

    Sei dir bitte auch in klaren, dass deine Mutter eine vernebelte Sicht auf die Dinge hat. Als Rat kann ich dir nur geben, dass du ihre und deine Sicht kombinierst. Zwar wirst du dadurch auch nicht die Wahrheit finden aber sie kann dir vielleicht die ein oder anderen Emotion erklären.

    Ich wünsche dir alle Kraft der Welt und möglichst viele Erkenntnisse. Du schaffst es. Du bist Stark!

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  2. Alice sagt:

    Oh mein …. Mit fehlen die Worte. Deine Worte zu lesen tun weh und deine Gefühle bringen meine Eigenen in Wallung. So viel Leid und so viel Ignoranz deiner Mutter. Es tut mir einfach unendlich leid. Ich kann es so verstehen, wenn man am Liebsten alle Anschreien und schlagen will und doch wieder nur die gute Tochter ist, die sich zusammenreißt. Es tut weh. Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Mir fehlen die Worte ob so viel Leid.
    Herzlichst Alice

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  3. ansichschade sagt:

    Ich wünsche dir dein Bruder hätte dich einmal retten können, wenn du in Not warst und auch etwas geben können, wenn du womit mal nicht weiter gewollt hast.

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