eisblau&honigsüß

im Scheinwerferlicht

- 25. Oktober 2013

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, dieses Bild kommt mir in den Sinn. Als ich an der Bushaltestelle stehe, viel zu früh, in der nebelvollen Dunkelheit. Als das Auto einige Meter entfernt von mir am Straßenrand hält, die Scheinwerfer direkt auf mich gerichtet.

Erstarren. Anstarren. Verharren. Nicht bewegen. Das Reh springt nicht davon, das Reh will die Aufmerksamkeit des Jägers nicht auf sich lenken. Tot stellen, nicht da sein, uninteressant sein. Keine Beute sein.

Minuten verstreichen. Das Auto. Die Scheinwerfer. Ich.

In meinem Kopf die absurde Phantasie, dass die kleinste Bewegung meines Körpers das Auto dazu veranlassen könnte, sich auf mich zu stürzen. Das Auto – oder den Fahrer.

Damals bin ich gerannt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Damals, als das Scheinwerferlicht uns erfasste und die Männer auf uns aufmerksam machte.

Damals bin ich gerannt, weil ihr Schrei die Erstarrung löste und ihre Hand meinen Arm so fest umklammerte, dass sie meinen Körper mit sich riss, als sie losrannte.

Wir stolperten durch die Dunkelheit, zusammen erst, dann getrennt. Ich lauschte, versuchte sie zu orten, sie wiederzufinden in der Nacht. Sie war mucksmäuschenstill, wie ich. Nicht verraten, nicht bewegen, nicht rufen. Nicht, solange die Männer noch in der Nähe sind.

Wir fanden uns wieder, irgendwie, irgendwann in dieser Schwärze. Flüstern, überlegen, abwägen. Zu gefährlich hier draußen zu bleiben, zu gefährlich sich zu bewegen. Irgendwann rannten wir dann doch, uns an den Händen haltend, ins Licht zurück, ins nächstgelegene Gebäude, in die Sicherheit.

Was geschehen wäre, wenn sie uns erwischt hätten? Zerfetzte Überreste eines gerissenen Rehs.

(Anmerkung: Das Auto bzw. der Fahrer war zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche Gefahr für mich. Dass er dort hielt und die Scheinwerfer auf mich gerichtet waren, war bloßer Zufall. Das habe ich allerdings erst nach ein paar Minuten begriffen. Angst vernebelt das Hirn…)


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