eisblau&honigsüß

unbequeme Wahrheiten

- 9. Juni 2013

Es ist schon morgens in aller Frühe viel zu warm für lange Klamotten. In der schwülen Luft, die hier untrennbar mit dem Sommer verbunden ist, würde ich ziemlich schnell zusammenklappen, wenn ich nicht zu kurzer Kleidung greifen würde.

Meistens sind die Narben kein Thema. Es ist erstaunlich, wie wenigen Menschen sie überhaupt auffallen. Gut, die Narben an den Armen sind überwiegend sehr blass und dünn. Brust und Bauch zieren ziemlich wulstige Narben, aber da ich nicht bauchfrei rumlaufe, ist das auch egal. Und die Unterschenkel, die stark vernarbt sind, liegen zum Glück nicht auf der normalen Blickhöhe, so dass da kaum jemand hinschaut.

„Kritisch“ sind nur die Orte, an denen die Menschen nichts zu tun haben und aus Langeweile ihre Umgebung genauer in Augenschein nehmen. Die Schlange an der Supermarktkasse oder öffentliche Verkehrsmittel beispielsweise. Zwar treffen mich auch dort nicht ständig irgendwelche Blicke, aber manchmal eben doch.

Es ist nicht so, dass ich mich für die Narben schäme. Ich finde es eher nervend und auch ziemlich unhöflich, wenn die Narben offensichtlich angestarrt werden. Klar, es ist normal, dass der Blick an „Besonderheiten“ hängenbleibt. Das geht mir auch nicht anders. Ich gucke schon auch mal einen Moment länger hin, wenn mir jemand gegenübersitzt, der irgendwie auffällig ist. Aber ich gucke dann eben auch wieder weg und starre nicht minutenlang hin, und wenn es zu einem Blickkontakt kommt, lächle ich und versuche zu signalisieren, dass alles okay ist (was ich übrigens auch so ganz gerne tue – Menschen anlächeln – denn es fühlt sich wunderbar an, ein Lächeln zurückzubekommen).

Erfahrungsgemäß lassen sich die „Glotzer“ in zwei Gruppen einteilen: pubertierende Jugendliche, und Frauen mittleren Alters.

Bei den Jugendlichen denke ich mir nur: Werdet erwachsen… Die gehen mir ziemlich am Allerwertesten vorbei. Irgendwann werden sie hoffentlich reifer und verhalten sich respektvoller ihren Mitmenschen gegenüber. Wenn nicht – nun, dann gehören sie ohnehin zu den Menschen, mit denen ich vermutlich keinen engeren Kontakt anstrebe. Außerdem sind sie bei aller gespielten Coolness nicht mal annähernd selbstbewusst und gucken ziemlich schnell peinlich betreten weg, wenn man nur intensiv genug zurückstarrt…

Die Kategorie „Frauen mittleren Alters“… Ich weiß nicht, aber da finde ich es unglaublich nervig. Da gibt es immer wieder Exemplare, die starren und das offenbar auch kein bisschen unhöflich finden. Die starren vom Einsteigen in den Bus bis zu dem Moment, in dem man wieder aussteigt. Die wenden den Blick auch nicht ab, wenn sie merken, dass mir ihr Starren aufgefallen ist. Irgendwie macht mich das auch ärgerlich. Ja, ich habe Narben, ja, es fällt auf, ja, da kann man mal einen Moment genauer hingucken. Aber ich bin doch kein verdammtes Zootier, vor dessen Käfig man minutenlang mit offenem Mund stehen bleibt, weil es so exotisch ist!

Wirklich sauer werde ich, wenn sie mich mit einem angewiderten Blick bedenken und die Nase rümpfen. Dieser „Wie kann man nur so rumlaufen?!“-Blick. Ich habe mir weder meine Biografie noch meine Krankheiten ausgesucht. Ich finde es unfair und intolerant, wenn quasi erwartet wird, dass ich die Spuren meiner Erkrankung verberge, nur weil es nicht schön aussieht… Allemal wenn ich bedenke, wieviele Menschen im Lauf meines Lebens die Augen vor Missbrauch, Gewalt und Mobbing verschlossen haben. Hätten sie da hingeschaut, würde es so manche Narbe auf meinem Körper gar nicht geben…

Manchmal frage ich mich, ob nicht das der Grund ist, warum manche Menschen so ablehnend auf Selbstverletzungsnarben reagieren: Das Wissen, dass dahinter irgendetwas Schlimmes steckt… Dinge, bei denen man lieber wegschaut anstatt couragiert einzuschreiten… Dinge, die schockierend sind und die man lieber verdrängt, um den eigenen Seelenfrieden nicht zu gefährden… Aber wenn man dann die Narben sieht, muss man sich der unbequemen Wahrheit eben doch stellen: Es gibt Gewalt und Missbrauch in unserer Gesellschaft, und wer wegschaut anstatt dagegen vorzugehen, trägt eine gewisse Mitschuld am Leid der Opfer…

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2 responses to “unbequeme Wahrheiten

  1. realflippy sagt:

    das ist nun mal leider eines der größten probleme der zivilisierten welt…bei schwierigkeiten wegsehen aber die folgen begaffen…
    das ist bequem..man macht sich selber keinen ärger aber hat was gesehen was sonst nicht alltäglich ist.
    ich denke auch das der größte teil der gaffer nicht wirklich bewusst ablehnend reagiert auf sachen wie selbstverletzung oder was ihn sonst noch so schockiert…es passt einfach nur nicht ins bild dieser blanken und sterilen welt die uns täglich durch irgendwelche medien suggeriert wird…und wenn dort..in den medien..menschen mit narben…amputationen oder whatever auftauchen erinnert die darstellung dort (grade in den boulevard-medien) doch eher an zirkus vor 100 jahren als an objektive berichterstattung…und dann haben diese brisant-junks mal die chance das im real-life zu begaffen…das wird dann genutzt und sie sind erstaunt das es sowas auch in ihrer heimatstadt gibt^^

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  2. kelef sagt:

    ich hab nach der carotis-stenose ja diese 25 cm lange operationsnarbe von unter dem linken ohr bis zwischen die vorderen schlüsselbeinansätze, da die op 3,5 stunden dauerte und eine menge kollateralen ebenfalls gereinigt und begradigt werden mussten. zudem hängt mein linkes oberlid ein wenig runter. obwohl ich ja nicht in die sonne darf, sieht man die narbe im sommer besonders gut, und auch mit dem höchsten rollkragen kann ich sie nicht ganz zudecken, ausserdem ist der hals sehr berührungsempfindlich. und der hund hier hat links einen steifen ellbogen.

    sie wollen gar nicht wissen was ich seit der operation schon alles zu hören bekommen habe, und seit die hund hier ist – du meine güte, können sie bei mir drüben lesen, aber nur ausgewähltes.

    von „sowas sollte man gar nicht herumlaufen lassen“, „es gibt doch burkas“, „die alte hat einer zum machen (=tiefer wiener slang für umbringen) probiert“, bis zu „dass man sich sowas anschauen muss“ war schon alles dabei.

    bei den altersgruppen haben sie – was mich betrifft – nicht ganz recht, es gibt zudem auch noch die jungen mädels die sich umbringen täten wenn sie so ausschauen täten (ich bin ja froh dass ich leb‘, btw), und Männer die meinen, mit so einer wie mir täten sie nicht können (ich mit einem wie denen auch nicht, btw).

    was soll man tun – wir sind nicht allein. manchmal, wenn ich schlechte laune hab‘, gibt es eine entsprechende antwort, oder ich starre denen solange irgendwohin bis sie nervös werden und einen spiegel suchen gehen. wenn sie einem begegnen, weiss man meist schon dass das die sind, die sich dann umdrehen und einem nachstarren, dann drehe ich mich auch gerne schnell um und starre zurück, dann werden die immer ganz unruhig.

    Ein grossteil schuld ist sicher der schönheits- und perfektionsdrang einerseits, und das „es gibt doch plastische chirurgie“ andererseits, zusätzlich zu der tatsache dass denen noch nix böses im leben passiert ist, und sie mit einer rakete durch die kinderstube geschossen worden sind.

    augen zu und durch. das sind einfach arschlöcher, kann man nix machen.

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