eisblau&honigsüß

O. (1)

- 30. Juli 2011

Ich habe ja schon an anderer Stelle kurz von O. erzählt.

Wenn ich den Mut aufbringe, gehe ich sie heute besuchen. Es ist eine merkwürdige Vorstellung, nur zu Besuch in die Psychiatrie zu gehen, und nicht, weil ich selbst mal wieder nicht klarkomme. Hingehen, klingeln und „Mir geht’s nicht gut, kann ich reinkommen, kann ich einen Arzt sprechen?“ habe ich ja inzwischen ganz gut drauf. Aber „Hallo, ich möchte O. besuchen“ – das ist etwas Neues. Mal gucken, ob ich das hinbekomme.

Ich frage mich noch immer, warum O. ausgerechnet zu mir Vertrauen gefasst hat. Sie ist so still und in sich zurückgezogen, sie lässt niemanden wirklich an sich heran. Warum mich? Warum darf ich sie umarmen – richtig fest und lange, nicht nur flüchtig – wenn andere ihr nicht einmal die Hand auf die Schulter legen dürfen? Es ging eindeutig von ihr aus. Sie wollte diese Umarmungen, es war ihr Wunsch.

Warum wünscht sie sich ausgerechnet bei mir, dass ich sie besuchen komme? Warum wünscht sie sich ausgerechnet mich wiederzusehen?

Ich verstehe wirklich nicht, was ich getan habe, dass sie mich so nahe an sich heranlässt. Sich vielleicht sogar eine Freundschaft wünscht? Liebe Worte, ein kleines Geschenk – ich wette, dass sie das auch schon von vielen anderen Mitpatienten bekommen hat. Aber umarmen durfte sie trotzdem noch nie jemand…

Ein bisschen habe ich Angst, worauf ich mich da einlasse. Was, wenn sie in mir ihre „Retterin“ sieht? Wenn sie mich idealisiert? Ich kann sie nicht therapieren. Ich bin doch selber nur Patientin, habe auch einen Haufen Probleme zu bewältigen. Ich habe Angst, dass sie zu viel von mir erwartet und böse abstürzen wird, wenn sie irgendwann erkennt, dass ich nicht perfekt bin und keine Wunder vollbringen kann. Wenn ich mich vielleicht sogar klar abgrenzen muss, um mich selbst zu schützen.

Und falls sich da wirklich ein längerer Kontakt, eine Freundschaft, entwickelt – was werden die Ärzte dazu sagen? Früher oder später würden sie ja merken, dass sich zwischen O. und mir was entwickelt. Was, wenn die Ärzte auch die Gefahr sehen, dass O. mich zu stark idealisiert, mir Therapeutenfunktion zuschiebt, und dadurch sich selbst oder mir schadet? Vielleicht würden sie uns den Kontakt verbieten…? Würden mit mir „schimpfen“, weil ich mich verdammt nochmal um meine eigenen Probleme kümmern soll? Damals, in der Jugendpsychiatrie, waren Freundschaften unter den Patienten nicht unbedingt gern gesehen…

Andererseits – wenn man sich nunmal mag?! Wenn man sich anfreundet – kann das denn so schlecht sein? Solange ich auf mich aufpasse, ist doch eigentlich nichts Schlimmes daran.

Freundschaften können einem sehr gut tut.

Aber eine Freundschaft mit O. würde sicherlich nicht einfach werden. Bin ich stark genug?

Ich habe wirklich ein mulmiges Gefühl, mich auf eine Freundschaft mit O. einzulassen. Ich habe Angst, dass sie mich jetzt idealisiert und Dinge erwartet, die ich ihr nicht geben kann. Und dass sie meinetwegen irgendwann wieder ganz tief stürzen wird…

Ich kann ihr nur Freundschaft bieten, ein bisschen Sympathie und Zuneigung, das Gefühl, gemocht zu werden und nicht allen völlig egal zu sein. Ich kann ihr zuhören, sie in den Arm nehmen, ihr vielleicht ein bisschen Mut machen und Zuversicht geben. Aber ihre Probleme kann ich nicht wegzaubern. Ich kann sie nicht heilen. Ich kann nicht alles wieder gut machen.

Ich weiß noch nicht einmal so richtig, was überhaupt mit ihr los ist. Sie spricht so wenig, ist so verschlossen. Man munkelt, dass sie vergewaltigt wurde. Dass sie seit längerer Zeit suizidal ist. Dass sie Glasscherben schluckt. Aber davon abgesehen weiß ich nur, dass es ihr sehr schlecht geht. Sie ist ja schon einige Zeit auf der Geschlossenen, und sie ist auch oft in der Überwachung.

Ich muss aufpassen. Dass sie nicht anfängt mich zu idealisieren und auch, dass ich nicht anfange mir einzubilden, ich könnte ein Wunder bei ihr vollbringen. Denn diese Vorstellung ist natürlich sehr verlockend – sie „retten“ zu können. Etwas Besonderes zu sein. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht für sie opfere. Dass ich nicht anfange, sie therapieren zu wollen, sondern klar bei einer Freundschaft bleibe. Aufpassen, aufpassen, aufpassen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: