eisblau&honigsüß

Gemeinschaft und Vertrauen

- 29. Juli 2011

Was mir auf der Geschlossenen immer wieder auffällt und was mich wirklich positiv beeindruckt, ist der Zusammenhalt unter den Patienten. Das Gemeinschaftsgefühl, die bedingungslose Hilfsbereitschaft.

Ich finde das wirklich unglaublich schön.

Jeder hat irgendein verdammtes Problem, sonst wäre er nicht dort gelandet. Manchen merkt man es nicht wirklich an, man fragt sich, warum sie überhaupt da sind. Bei anderen merkt man die Probleme sofort. Trotzdem wird jeder akzeptiert. Egal, wie schwierig jemand aufgrund seiner Krankheit sein mag, jeder wird so angenommen, wie er nunmal ist. Es wird nicht gelästert, niemand wird gemobbt oder abgelehnt, es herrscht ein Klima aus Toleranz, Rücksicht, Verständnis und Nachsicht.

Man hilft sich gegenseitig. Irgendwie scheint jeder trotz seiner Probleme das Bedürfnis haben, sich nützlich zu machen. Man hört sich gegenseitig zu, man nimmt sich in den Arm. Man bietet Zigaretten und Feuer an, wenn mal wieder jemand völlig plötzlich und ohne irgendetwas dabei zu haben auf Station ankommt. Zeigt Neuankömmligen, wo auf Station was ist. Leiht Klamotten aus, wenn jemand nicht mehr hat als das, was er gerade trägt, und niemand Kleidung zum Wechseln von zu Hause bringen kann. Versorgt völlig aufgelöste Neuankömmlige mit Essen und Trinken, Umarmungen und lieben Worten.

Es ist schön, irgendwie. Zu erleben, wie sich völlig fremde Menschen umeinander kümmern. Ohne Vorurteile, mit unendlich viel Geduld und Verständnis und Akzeptanz. Jeder ist bemüht, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas Gutes zu tun. Vielleicht, weil man sich bedanken möchte für die Hilfsbereitschaft, die man selber erleben durfte.

Als ich Mittwoch ziemlich kopflos in die Klinik geflüchtet bin, habe ich natürlich nicht mehr klar nachgedacht, was ich überhaupt brauche. Zigaretten vergessen, Feuerzeug ebenfalls, nicht mal Tampons eingesteckt. Aber egal – egal. Obwohl auf Station gerade ein allgemeiner Mangel an Zigaretten, Tabak und co. herrschte, wurde ich großzügig versorgt. Feuerzeug wurde mir auch geliehen. Und Tampons habe ich auch zugesteckt bekommen. Von einem Mitpatienten wurde ich mit Aprikosen und Joghurt versorgt, als mein Magen lautstark knurrte. Umarmungen, über den Rücken streicheln – das gab es selbstverständlich auch gratis und großzügig.

Viel geben konnte ich an dem Abend nicht, aber das ist okay. Manchmal kann man nur nehmen und selber nichts geben. Am nächsten Tag konnte ich dann meinerseits ein offenes Ohr anbieten und die eine oder andere Umarmung schenken, ein kleines Lächeln zaubern oder ein Tränchen wegwischen.

Als feststeht, dass ich entlassen werde, biete ich an, den Tabak- und Zigarettenmangel zu beenden. Ich nehme Wünsche und Geld entgegen und statt direkt nach Hause zu gehen, suche ich die nahegelegene Tankstelle auf und bringe danach meine „Einkäufe“ auf Station. Dankbares Lächeln, liebe Worte. Man hilft sich eben, wo und wie man kann. Im einen Moment kann man nur nehmen, im nächsten gibt man selbst.

Und außer Tabak und co. kaufe ich noch eine Tafel Nuss-Schokolade. Die stand nicht auf meinem Einkaufszettel und ich bezahle sie auch von meinem eigenen Geld. Es ist ein Geschenk für O., die seit Wochen auf der Geschlossenen ist und eine wirklich schlimme Zeit durchmacht. Ich mag O., sie ist eine so liebe Frau, und sie hat so Lust auf ein Stückchen Nuss-Schokolade, das hat sie erzählt. Ich möchte ihr eine kleine Freude machen, auch wenn ich weiß, dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ihrer Verzweiflung ist.

Sie freut sich riesig, als ich ihr die Schokolade schenke. Sie hat nicht damit gerechnet. Sie zögert einen Moment – und dann umarmt sie mich, ganz fest und lange. Die Patienten, die das sehen, schauen uns ungläubig schweigend an. Denn die O., die darf niemand anfassen, nur ihre Mama. Die O. will nicht umarmt werden. Und jetzt stehen wir da in fester, langer Umarmung mitten auf Station. Vorsichtig löst sie sich von mir und ganz leise fragt sie mich, ob ich sie besuchen komme – sie wünsche sich das so sehr, ich sei so lieb, sie möchte mich so gerne wiedersehen. Ich verspreche es ihr. Dann fragt sie mich, ob sie mich noch einmal drücken dürfe, und natürlich bejahe ich und dann stehen wir noch einmal eine Weile in fester Umarmung da.

Ganz überwältigt von diesem plötzlichen Vertrauen verlasse ich schließlich die Station. Warum ich, geht es mir durch den Kopf. Warum vertraut sie mir, warum lässt sie ausgerechnet mich an sich heran? War es das Gespräch am Vormittag? Aber auch andere Patienten haben ihr doch schon liebe Dinge gesagt! Und eine Tafel Schokolade – eine solche Kleinigkeit – kann das so viel Vertrauen und Zuneigung auslösen? Auch andere Patienten haben ihr schon das eine oder andere Geschenk gemacht. Aber niemals hat sie jemanden ganz offen gebeten, sie zu besuchen. Und niemals – niemals hat sie jemand umarmen dürfen. Niemals – bis gestern.


7 responses to “Gemeinschaft und Vertrauen

  1. Tialda sagt:

    Ich bin total gerührt von diesem Eintrag… Davon könnten sich „gesunde“ Menschen eine große Scheibe von abschneiden…

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  2. Nina sagt:

    ich hab diesen beitrag zwar vorhin schon gelesen, war aber nicht in der lage etwas dazu zu schreiben, weil er mich so sehr bewergt hat. musste ein tränchen unterdrücken :-).
    genaus das hab ich in der klinik auch erlebt und erleb es auch heute noch im kontakt mit anderen psychisch erkrankten außerhalb der klinik. da ist ein ganz großer zusammenhalt vorhanden. es ist traurig dass es nicht in der ganzen gesellschaft so abläuft und eigentlich eine schande, weil man sieht ja an solchen erfahrungen dass es möglich ist. ist doch auch irgendwie komisch…. da muss man erst psychisch erkrankte menschen, im volksmund ja auch immer noch gerne als irre verschrien, zusammenbringen, damit es menschlich und sozial zu geht. so wie es eigentlich sein sollte. gerne als asozial beschimpft, zeigen wird doch meistens am stärksten soziale verhaltensweisen.
    gedanken zum abend….. 😉
    lg nina

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    • silberträumerin sagt:

      mich berührt diese erfahrung auch sehr. wenn man selber nichts geben kann, aber ohne bedingungen bekommt, was man braucht – das ist so wunderbar.

      es ist wirklich ein seltsames phänomen, dass gerade die verrückten so gut miteinander umgehen können. in „normalen“ krankenhäusern ist das nicht so, nur in psychiatrien. da verschwinden alle vorurteile und man hält zusammen.

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  3. Nina sagt:

    und das mit O. ist toll! es ist schön. und sagt auch eine menge über dich aus, weil ein schlechter mensch kannst du ja nicht sein, wenn jemand wie O. dir so vertrauen schenkt und dich sogar umarmen möchte 😉 ich find es für sie schön, weil sie es konnte und für dich ein tolles positives feedback 😉
    vielleicht wird ja sogar ne freundschaft draus…..

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    • silberträumerin sagt:

      ich war richtig perplex in dem moment. ich wusste ja, dass o. keine umarmungen mag, und dann, auf einmal – umarmt sie mich, ganz feste. ich weiß immer noch nicht, warum sie ausgerechnet mich ins herz geschlossen hat. irgendwie muss ich schon okay sein *denk*

      vielleicht, wer weiß. ich werde mein versprechen auf jeden fall halten und sie besuchen 🙂

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  4. […] habe ja schon an anderer Stelle kurz von O. […]

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